Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche: das unsichtbare Kind

Quelle: Rechercheverbund CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk (BR)

Das unsichtbare Kind

Stefan ist sein echter Vorname, aber sein Nachname soll ungenannt bleiben. Der Missbrauch, der seine Kindheit bestimmte, soll nicht mit seinem heutigen Leben verbunden werden.

Die Geschichte, die er CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk (BR) erzählt, legt offen, wie das System Missbrauch in der Kirche oft funktioniert, weil es in solchen Fällen nicht nur den einen Straftäter gibt, sondern viele Beteiligte auf allen Hierarchieebenen, die kaschieren, schweigen, Hinweise unterdrücken und die Taten so erst möglich machen.

Der Mann, der Stefan jahrelang missbraucht haben soll, hat 35 Jahre lang als Priester gearbeitet: Peter H., einer der notorischsten Missbrauchstäter in der katholischen Kirche. Wie aus Kirchenakten hervorgeht, soll H. mindestens 23 Jungen zwischen acht und 16 Jahren sexuell missbraucht haben.

Nun verleihen die Aussagen von Stefan dem Fall noch eine neue Tragweite: Zum ersten Mal geht ein Opfer aus der bayerischen Gemeinde Garching an der Alz an die Öffentlichkeit, wo H. ab Ende der 80er Jahre als Pfarrer tätig war. Bislang waren nur weiter zurückliegende Straftaten bekannt. Jetzt zeigt sich: Peter H. hat bis mindestens weit in die 90er Jahre völlig unbehelligt agiert – trotz einer rechtskräftigen Verurteilung 1986 und praktisch unter den Augen des Erzbistums München und Freising.

Recherchen von CORRECTIV und dem BR weisen außerdem nach, dass hohe Würdenträger nicht nur untätig blieben, sondern sich offenbar aktiv daran beteiligten, H. zu decken, sodass dieser immer neue Kinder missbrauchen konnte, und das bis heute straflos.

Der Fall Peter H. hat Schlagzeilen gemacht, auch international: 2010 deckte die New York Times auf, dass die Kirchen über Straftaten H.s Bescheid wusste und ihn trotzdem weiter als Pfarrer einsetzte. Für Empörung sorgten vor allem die Verstrickungen der Kirchenväter bis hoch zu Joseph Ratzinger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Eine Recherche von CORRECTIV und ZDF-Frontal wies 2020 weitere Verbindungen zu Ratzinger auf.

Garching gehört zum Erzbistum München und Freising, wo Ratzinger bis zu seinem Wechsel in den Vatikan an der Spitze stand. Später stellte sich Pfarrer H. in Garching jahrelang einen Weihbischof als Aufpasser an die Seite, den eine enge Freundschaft mit Ratzinger verband – dieser unterband den Missbrauch nicht, sondern deckte den Täter.

Gegenüber CORRECTIV und BR lässt Ratzinger über seinen Privatsekretär George Gänswein „klarstellen, dass Papst emeritus Benedikt XVI. nicht über die gegen Pfarrer H erhobenen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs informiert war”.  Aber es gibt Hinweise, die dieser Darstellung zu widersprechen scheinen.

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Ukraine-Konflikt: Realitätscheck

Das IPG-Journal wird vp,m Referat Globale und Europäische Politik der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben.

Quelle: IPG-Journal (Friedrich-Ebert-Stiftung)

Außen- und Sicherheitspolitik 14.01.2022 | Nickolay Kapitonenko

Realitätscheck

Russland kann von den USA kaum weitreichende Zugeständnisse erwarten. Aber auch die Ukraine wird ihre Politik überdenken müssen.

Seit Dezember des vergangenen Jahres haben die diplomatischen Aktivitäten rund um das Thema der europäischen Sicherheit an Fahrt aufgenommen. Nach dem virtuellen Treffen von US-Präsident Biden und dem russischen Präsidenten Putin Ende des Jahres war auch diese Woche von zahlreichen Gesprächen geprägt. Ein zentrales Thema bleibt dabei der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze.

Eine Eskalation des bewaffneten Konflikts ist und bleibt für Russland eine unattraktive Option: Der Preis ist zu hoch.

Eine Eskalation des bewaffneten Konflikts ist und bleibt für Russland eine unattraktive Option: Der Preis ist zu hoch. Und ob damit überhaupt etwas zu erreichen wäre, ist höchst zweifelhaft. Der Kreml nutzt jedoch die erhöhte Aufmerksamkeit – vor allem der Medien und der öffentlichen Meinung im Westen –, um seine eigene internationale Sicherheitsagenda ins Gespräch und nach vorne zu bringen.

Seit der Annexion der Krim durch Russland scheint dieser Versuch der am besten vorbereitete zu sein. Der Westen ist nicht an einer Verschärfung der Konfrontation interessiert, sondern zum Dialog mit Moskau bereit. Seit die USA sich auf die chinesische Bedrohung konzentrieren, hat sich für Russland die politische Landschaft verändert. Dass die Bemühungen um die Beilegung des Konflikts im Donbas in der Sackgasse stecken, hat Einfluss auf die Erwartungen und Hoffnungen der europäischen Staaten. Unterm Strich gibt es nun die Bereitschaft, mit Russland nach der diplomatischen Isolation der letzten sieben Jahre über die Frage zu sprechen, was ihnen Sorge bereitet – auch wenn es in dieser Frage zahlreiche „rote Linien“ gibt.

Russland bringt dabei immer dieselben Themen zur Sprache: die NATO-Osterweiterung, die Raketen, die militärische und politische Annäherung der postsowjetischen Länder an den Westen sowie die von all diesen Faktoren ausgehende Bedrohung Russlands. Moskau schlägt vor, dass die NATO sich verpflichtet, keine Staaten der ehemaligen UdSSR in den Kreis ihrer Mitglieder aufzunehmen und keine militärischen Aktivitäten auf dem Territorium dieser Staaten durchzuführen. Dies beinhaltet auch, dass diese Länder nicht von schweren Bombern der NATO überflogen werden und dass sich keine Kriegsschiffe in der Nähe des russischen Staatsgebiets aufhalten dürfen. Auch auf die militärische Zusammenarbeit auf bilateraler Ebene solle die NATO verzichten. Als Gegenleistung bietet Russland etwas an, das ganz entfernt nach Entspannung klingt: Man solle sich nicht gegenseitig als Feind betrachten und keine Kurz- und Mittelstreckenraketen an Orten stationieren, von denen aus das Staatsgebiet des jeweils anderen erreicht werden könne.

Diese Position erscheint – zumal nach der Annexion der Krim und der Aggression Russlands im Donbas – vielen unangemessen. Wenn ein Land, das die Grundprinzipien der Weltordnung verletzt und obendrein Druck aufbaut, indem es mehr als 100 000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammenzieht, mit dieser Einstellung Gespräche über eine neue internationale Sicherheitsarchitektur führen will, habe das nicht viel mit einem vertrauensvollen, auf Frieden und Konsens ausgerichteten Dialog zu tun. Viele westlichen Politiker sehen zudem nicht gern, dass Russland überhaupt Forderungen stellt: Ihrer Meinung nach steht Moskau kein Vetorecht gegen die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO zu.

Aus russischer Perspektive stellt sich die NATO – und womöglich sogar der Westen insgesamt – als Bedrohung für die russische Sicherheit dar.

Aus russischer Perspektive stellt sich die NATO – und womöglich sogar der Westen insgesamt – als Bedrohung für die russische Sicherheit dar. Dementsprechend wird die Situation im postsowjetischen Raum zum Entweder-oder-Spiel: Wer für den Westen ist, ist gegen Russland. In diesem Koordinatensystem wird es zur prioritären Aufgabe Russlands, Staaten wie der Ukraine oder Georgien die Wahlfreiheit zu nehmen. Russland will um jeden Preis verhindern, dass diese Länder NATO-Mitglieder werden oder vom Westen irgendwelche anderen effektiven Sicherheitsgarantien erhalten. Auf dieser Logik lässt sich schwerlich eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa aufbauen, weil sie voraussetzt, dass die Souveränität einer ganzen Reihe von Staaten beschnitten wird, die ja gerade ein Kernbestandteil der heutigen Weltordnung ist.

Dass die Biden-Administration zum regelmäßigen Dialog mit Russland bereit ist, wie sich 2021 angesichts der persönlichen und virtuellen Treffen des amerikanischen und des russischen Präsidenten gezeigt hat, sorgt für einen neuen Ton im Austausch mit Moskau. Russland ist nach wie vor auf die europäischen Märkte sowie auf den Zugang zu Technologien und Krediten angewiesen – und damit auch auf die Abschwächung der Sanktionen. Nach einem neuen Rüstungswettlauf steht Moskau wohl kaum der Sinn. Russlands Kooperation mit China bleibt schwierig und wird in ihrer Bedeutung überschätzt.

Die Signale, die der Westen aussendet, sind relativ klar und koordiniert. Dem Westen geht es vor allem um die Wahrung der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine und um die Bereitschaft, mit Russland grundsätzlich zu sprechen – allerdings nicht über ein Vetorecht in Sachen NATO-Erweiterung. Die USA sind nicht gewillt, die allgemeine europäische Sicherheitsagenda ohne ihre Verbündeten zu erörtern, und richten das Hauptaugenmerk stattdessen auf bilaterale Probleme, die vor allem mit strategischer Stabilität und Cybersicherheit zusammenhängen. Russlands großer geopolitischer Traum von einem „Helsinki 2.0“ dürfte sich wohl nicht erfüllen.

Auch wenn der Kreml vielleicht darauf spekulieren kann, die Geschlossenheit des Westens zu erschüttern und separate Vereinbarungen mit den USA zu treffen, darf er wohl kaum ernsthafte Zugeständnisse erwarten. Die roten Linien in den Verhandlungen mit Washington sind unverrückbar, sodass für Kompromisse nicht viel Spielraum bleibt. Was die Biden-Administration braucht, sind Gespräche über Fragen der strategischen Stabilität. Was sie nicht gebrauchen kann, ist eine weitere Zuspitzung der Krise im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Auch eine weitere Annäherung zwischen Russland und China ist für die USA nicht wünschenswert. Noch wichtiger für die USA ist jedoch, dass die Zuverlässigkeit der NATO und die Handlungsfreiheit in Osteuropa gewahrt bleiben. Mit Blick auf das Kräfteverhältnis deutet alles darauf hin, dass Washington sich in einer stärkeren Verhandlungsposition befindet.

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Filderstadt-Bernhausen – Kundgebung gegen Verschwörungsmythen, Hetze & Antisemitismus

Filderstadt – Bernhausen: Kundgebung gegen Verschwörungsmythen, Hetze & Antisemitismus (10.1.22)11.01.2022 

Kundgebung des Bündisses „Solidarität statt Hetze“ in Filderstadt-Bernhausen mit Grußworten von OB Christoph Traub und Beiträgen von Joe Bauer (Kolumnist & Flaneur), Prof. Barbara Traub (Vorstandssprecherin Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg), Dr. Michael Blume (Landesbeauftragter gegen Antisemitismus BW), Kai Burmeister (IG Metall BW), Martin Gross (Ver.di BW) uvm.

Quelle: SWR

Kundgebung gegen „Spaziergänge“ – Motto „Solidarität statt Hetze“ in Filderstadt-Bernhausen – 10.1.2022, 18:07 Uhr

In der Fußgängerzone von Filderstadt-Bernhausen (Landkreis Esslingen) hat das Bündnis „Solidarität statt Hetze“ eine Kundgebung veranstaltet. Vor der Kundgebung berichtet SWR-Reporterin Bernice Tshimanga vor Ort.

Im Sog der Lügen – Wie Verschwörungsideologien Hass säen

Pia Lamberty • Der Glaube an Verschwörungen – Eine psychologische Betrachtung Live online1.045 Aufrufe – 06.06.2021 – Aufzeichnung des Vortrags vom 25.05.2021

Moderation: Brigitte Winkelmann Veranstalter: Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs Kortizes (https://kortizes.de/​​​​) In Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung gbs (https://www.giordano-bruno-stiftung.de​​)

Der Glaube an Verschwörungserzählungen war auch bereits vor der Corona-Pandemie weit verbreitet. Studien aus dem Jahr 2019 konnten zeigen, dass ein Drittel der Bevölkerung meinte, dass Politikerinnen und Politiker nur Marionetten von dahinterliegenden Mächten seien.

Während der Pandemie dann wurde das Thema breit gesellschaftlich diskutiert. Warum Menschen an Verschwörungen glauben und was die Konsequenzen dieser Ideologie sind, zeigt die Psychologin und Autorin Pia Lamberty auf Basis ihrer eigenen Forschung. Pia Lamberty ist Psychologin und Expertin im Bereich Verschwörungsideologien. Ihre Forschung führte sie an die Universitäten in Köln, Mainz und Beer Sheva (Israel). Darüber hinaus ist sie Mitglied im internationalen Fachnetzwerk »Comparative Analysis of Conspiracy Theories«. Gemeinsam mit Katharina Nocun hat sie im Mai 2020 das Sachbuch »Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen« und ein Jahr später im Mai 2021 ein weiteres Sachbuch »True Facts – Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft« veröffentlicht. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 11. Mai 2021 über aktuelle Anfeindungen und Hass, die der jungen Wissenschaftlerin aus den Sozialen Medien wegen ihres Engagements entgegenschlagen. Infoseite der Veranstaltung: https://kortizes.de/event/25-05-2021/​​


Im Sog der Lügen – Wie Verschwörungsideologien Hass säen | Politikmagazin Kontraste 4.11.2021 – 62.879 Aufrufe – Live übertragen am 04.11.2021

„Corona ist nur eine Grippe“ und die Impfungen eine „Biowaffe, um die Menschheit auszurotten“ – seit der Pandemie sind Verschwörungserzählungen in den öffentlichen Debatten so präsent wie nie zuvor. Doch wer sind die Leute, die immer wieder, immer neue Lügen in die Welt setzen? Und warum verfangen sie mit ihren Erzählungen auch immer öfter bei Menschen, die bislang davor gefeit waren?

Kontraste-Reporter haben mit Verschwörungsgläubigen gesprochen, die tief in den Bann der Lügen geraten sind und deshalb sogar mit ihren Kindern gebrochen haben. Sie haben Akteure der Coronaleugner-Szene getroffen, die die Pandemie systematisch genutzt haben, um die Menschen mit Fake-Erzählungen zu verunsichern und Hass zu säen. Das Ziel der oft rechtsradikalen Hetzer ist, die Gesellschaft zu spalten und die Demokratie zu zerrütten.

Moderation: Eva-Maria Lemke


Querdenker-Demo: „Ich lass mir keine Brühe injizieren!“ | stern TV – 2.498.118 Aufrufe – 02.09.2021 –

Trotz Demo-Verbot sind wieder zahlreiche Querdenker und Impfgegener durch die Hauptstadt gezogen. Gleichzeitig kämpfen die Intensivmedizinier der Uniklinik Bonn täglich um Menschenleben – seit zwei Wochen steigt die Zahl der Corona-Patienten hier wieder. Wir haben mit den Demonstranten gesprochen und sie mit den Bildern konfrontiert.


Impfgegner in Leipzig: „Ich ernähre mich gesund, was soll die Impferei?“ | stern TV – 1.235.447 Aufrufe – 11.11.2021

Mit 549,4 (Stand: 9. November) ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen fast doppelt so hoch wie jene im Bundesdurchschnitt. Seit Montag hat das Bundesland deshalb als erstes flächendeckend eine 2G-Pflicht eingeführt. Wenige Tage zuvor haben Tausende Impfgegner und Corona-Leugner in Leipzigs Innenstadt gegen Maßnahmen und Impfung demonstriert. Unsere Reporterin hat mit ihnen und Gastronomen gesprochen.

Chinesische Philosophie – die Kunst, das Nichts zu denken | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

Chinesische Philosophie – die Kunst, das Nichts zu denken | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur219.131 Aufrufe – 29.04.2019

Kai Marchal war 22, als er mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China fuhr, im Gepäck die Sehnsucht nach alternativen Denkweisen.

Mittlerweile ist er Professor für Philosophie in Taipeh.

Barbara Bleisch spricht mit ihm über die Kunst, nichts zu denken, und über die Weisheit des Dao.

Unser Bild von China ist geprägt von rasanter Veränderung: Die Bevölkerung drängt in die Städte, der Konsum wächst exponentiell, die Umwelt leidet. Doch China ist auch ein Sehnsuchtsort, der die Abkehr von allem übt und uns anweist, uns dem Dao hinzugeben, dem rätselhaften Prinzip allen Werdens und Vergehens. Wie passen diese Bilder zusammen? Und können wir rational geprägten Westler das chinesische Denken überhaupt verstehen? Verfolgten Daoisten und Konfuzianer ein philosophisches Projekt, das uns helfen kann, ein gelingendes Leben zu führen? Oder ist ihre Lehre eher eine Religion?

Kai Marchal hat über sein Leben in China ein amüsantes und tiefgründiges Buch geschrieben, das zugleich ins chinesische Denken einführt. Barbara Bleisch trifft ihn zum Gespräch. Literatur: Kai Marchal: «Tritt durch die Wand und werde, der du (nicht) bist. Auf den Spuren des chinesischen Denkens». Matthes und Seitz, 2019

Radikalisierung der Impfgegner: Ursache „Denkpest“?

Quelle: Spiegel online. 5.1.2022

Eine Kolumne von Sascha Lobo 05.01.2022

Radikalisierung der Impfgegner – Ursache „Denkpest“?

Sascha Lobo – Jahrgang 1975, Autor „Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart. Kiepenheuer &Witsch. 2019) und Spiegel-Kolumnist bietet zur Frage nach den Ursachen der Radikalisierung der Impfgegner folgende These an:

 Die Extremsituation der Pandemie, schlechte (staatliche, institutionelle) Kommunikation und soziale Medien wie Telegram haben ein neues Massenphänomen hervorgebracht, eine Vorstufe zum umfassenden Verschwörungsglauben: die Denkpest“.

„Denkpest“ bezeichnet er ausdrücklich nicht als Krankheit: „Bei der Denkpest hat einerseits die Art und Weise der Verbreitung etwas mit Übertragung zwischen Personen zu tun. Andererseits wirkt sie mehr oder weniger auf den gesamten Menschen: auf die Denkweise, die Wahrnehmung, das Verhalten, die Kommunikation, die soziale Interaktion. Denkpest ist, was passiert, wenn ein Mensch sich in den Gedankenirrgärten von Fake News und Verschwörungstheorien verläuft.“

Als wissenschaftliche Referenz für seine These führt er den Soziologen Karl Mannheim an: „Denkpest ist eine Art unbewusste Ideologie. Das ist ein lange existierender und trotzdem sehr aktueller Begriff der politischen Soziologie. Der österreich-ungarische jüdische Soziologe Karl Mannheim beschrieb die unbewusste Ideologie so: Der Betroffene kann »die Inkongruenz seiner Vorstellungen mit der Wirklichkeit deshalb nicht entdecken […], weil die Gesamtaxiomatik seines historisch und sozial bestimmten Denkens so gelagert ist, dass die Inkongruenz prinzipiell nicht sichtbar werden kann.«“

„Denkpest“ sei eine „Vorform und (ein) Nährboden der Verschwörungsideologie… Der größte Unterschied zwischen beiden: Man muss an keine einzige Verschwörung glauben und kann trotzdem die Denkpest haben. Es reicht aus, wenn man ein derart tiefes Misstrauen entwickelt hat, dass man einfach nichts glaubt. Wenn man mit Denkpest-Betroffenen versucht zu diskutieren, stößt man nicht zwingend auf das geschlossene Weltbild vieler Verschwörungsgläubiger. Häufiger sind gefühlte, diffuse Zweifel, die eher von einer tiefen Verunsicherung herrühren als vom Glauben an eine konkrete Erklärung in Form einer Verschwörung. Vielleicht liegt darin der Millionenerfolg der Denkpest begründet: … nicht an die Herrschaft der Echsenmenschen zu glauben, sondern einfach daran, dass irgendwas ja wohl irgendwie faul sein muss. Weshalb man sich lieber auf sein Bauchgefühl verlässt als auf »offizielle« Informationen. Maßgeblich ist wie bei vielen Radikalisierungsprozessen ein übersteigertes Misstrauen in klassische, redaktionelle Medien. Nicht, dass es dort nicht viel zu kritisieren gäbe. Aber die Denkpest braucht als Grundlage die Überzeugung, dass mehr oder weniger alle Medien absichtlich oder aus Unwissen falsch berichten.“

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Sturm auf das Kapitol: strafrechtliche Aufarbeitung zerreißt Familien

Quelle: Vice – David Gilbert – 7.1.22

Sturm auf das Kapitol: strafrechtliche Aufarbeitung zerreißt Familien

Ein interessanter Artikel auf Vice  macht deutlich, wie der „Sturm auf das Kapitol“ im privaten Bereich nachwirkt. Er erzählt die Geschichte der Familie Reffitt nach 6. Januar 2021

„Am 5. Januar 2021 packte Guy Reffitt sein AR-15 Sturmgewehr und seine Smith & Wesson-Pistole ein, setzte sich in das Auto seiner Frau und fuhr 2.100 Kilometer von Wylie, Texas, nach Washington, D.C.

Am nächsten Tag besuchte Reffitt, Mitglied der texanischen „Three Percenter“-Miliz, Donald Trumps „Stop the Steal“-Kundgebung vor der Weißen Haus und marschierte mit der Menge zum US-Kapitol. Bei dem Sturm auf das Kongressgebäude soll er so vehement auf Polizeibeamte losgegangen sein, dass sie den Familienvater mit Geschossen und Pfefferspray zurückhalten mussten.

Geleakte Videos: So gefährlich war die Stimmung im erstürmten Kapitol

Auf einem Video ist Reffitt auf dem Treppenaufgang an der Westfront des Kapitols zu sehen. Unter seiner blauen Jacke trägt er eine schusssichere Weste, auf seinem Kopf einen schwarzen Motorradhelm mit Kamera. Er hält seine Hand hoch, während ein Polizeibeamter ihm Pfefferspray ins Gesicht sprüht. Ein paar Augenblicke später sieht man Reffitt erschöpft, wie er seine Augen mit Wasser ausspült. Als er nach Texas zurückkehrte, soll er laut Staatsanwalt zu seinem Sohn Jackson, 18, und seiner Tochter Peyton, 16, gesagt haben: „Wenn ihr mich ausliefert, seid ihr Verräter. Und ihr wisst, was mit Verrätern passiert … Verräter werden erschossen.“

Was er nicht wusste: Sein Sohn hatte Guy Reffitt bereits dem FBI gemeldet.Am 16. Januar 2021 tauchten Bundesbeamte vor dem Haus der Reffitts auf und nahmen den Familienvater fest. Ein gutes Jahr später wird sich Guy Reffitt nun vor Gericht wegen Angriffs auf einen Beamten der Kapitolpolizei, des Tragens einer Waffe auf Kapitolgelände und der Behinderung des Auszählungsprozesses verantworten müssen. Dazu wird ihm vorgeworfen, zwei seiner Kinder bedroht zu haben. Der Prozess ist für den 28. Februar angesetzt.“

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Shenzhen – Megacitiy und Stadt der Zukunft

China-Experte Frank Sieren über Shenzhen – Megacity und Stadt der Zukunft | Podcast – 7.970 Aufrufe  – 09.06.2021 –

Shenzhen in Südchina gehört zu den jüngsten und innovativsten Städten der Welt. Ob E-Autos, Drohnen, 5G oder Roboter, die Megacity ist in vielem bereits heute führend, aber eben auch in Überwachung und Gesichtserkennung.

Seit fast 30 Jahren lebt Frank Sieren in Peking. Der gebürtige Saarländer ist einer der führenden deutschen China-Experten und hat den Aufstieg Chinas zur Weltmacht hautnah miterlebt.  Darüber hat er als Korrespondent unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“, die „Wirtschaftswoche“ und die „Deutsche Welle“ berichtet. Außerdem hat Frank Sieren bereits mehrere Bücher über China veröffentlicht.

In seinem neuen Buch „Shenzhen – Zukunft Made in China“ schreibt er über eine Stadt der Superlative und Gegensätze.

Diese Folge von SR 3 „Aus dem Leben“ wurde am 08.06.2021 auf SR 3 Saarlandwelle ausgestrahlt.

Brüssel will Atomkraft grün machen – Aufruf „Kein Geld für Atom und Erdgas“

|Datum: 05.01.2022 –  Quelle: Kontext, Ausgabe 562 – Debatte

Brüssel macht Atomkraft grün – Künstlich beatmet (von  Manfred Kriener)

Atomkraft – das ist die ziemlich ramponierte, alte Wunschmaschine, ein Abfallprodukt der Bombe und eine Erlöserphantasie der 1950er-Jahre. Ihr neuer Platz ist der Komposthaufen der Geschichte. Daran ändert auch das Nachhaltigkeitslabel der EU-Kommission nichts. Ein Kommentar.

Zehn Jahre nach Fukushima will die Europäische Gemeinschaft die Atomkraft im Paket zusammen mit fossilem Erdgas als nachhaltige und klimafreundliche Technologie einstufen. Mit dem Nachhaltigkeitslabel können AKW-Neubauten in Förderprogramme der EU aufgenommen werden, entsprechende Projekte bekommen Geld aus dem grünen EU-Topf.

Auch die Nachhaltigkeitsfonds an den Weltbörsen orientieren sich an solchen Vorgaben, wenn die Fondsmanager entscheiden, welche Aktien von welchen Unternehmen gekauft werden. Atommeiler hätten damit formal den gleichen Status wie Solarparks, Radwege oder Trinkwasseraufbereitungsanlagen. Alles öko! Alles prima fürs Klima.

Die Routine-Empörung beim grünen Ampelpersonal ist groß, sie kommt indes etwas spät, die Brüsseler Pläne liegen schon lange auf dem Tisch. Im Koalitionsvertrag soll ein entsprechender Passus, der die neue Bundesregierung verpflichtet hätte, gegen die Brüsseler Pläne Front zu machen, gestrichen worden sein. Man will offensichtlich keinen Atomstreit mit Frankreich lostreten. Denn es war der französische Präsident Macron, der für seine Atomenergie mit aller Macht das EU-Nachhaltigkeitsticket löste.

Kann eine Technologie nachhaltig sein, die im Falle ihres Versagens weite Landstriche Europas unbewohnbar macht, die Abfallprodukte produziert, die für Hunderttausende Jahre von der Biosphäre abgeschottet in tiefen geologischen Schichten vergraben werden müssen? Deren Spaltmaterial abgezweigt und für Atomwaffen oder terroristische Zwecke missbraucht werden kann? Eine Technologie, deren tödliches radioaktives Inventar nicht gegen gelenkte Flugzeugabstürze gesichert ist? Deren Strom inzwischen dreimal so teuer ist wie Strom aus erneuerbaren Energien?

Es hört sich an wie ein schlechter Witz oder wie blanker Irrsinn, es ist aber Realität im komplizierten Gefüge der EU, wo eine Kommissionspräsidentin von der Leyen regiert, die 2011 den deutschen Ausstieg mitgetragen hat, um zehn Jahre nach Fukushima in der EU die grünen Atommeiler auszurufen. Das vielfach herbeigeredete Comeback der Atomenergie wird es trotzdem nicht geben. Im Gegenteil: Die Talfahrt hält weiter an. Ohne massive staatliche Subventionen ist Atomkraft bereits heute mausetot. Jetzt wird sie von Brüssel künstlich beatmet.

Dass die Atommeiler kein Klimaretter sein können, haben wissenschaftliche Gutachten immer wieder bestätigt.

Um in nennenswertem Umfang den Kohleausstieg auszugleichen, müssten weltweit Zehntausende Meiler gebaut werden, die dann Mitte der 2030er-Jahre, also viel zu spät, betriebsbereit wären. Der Pfadwechsel hin zu wirklich klimafreundlichen modernen Technologien wird durch die Atomkraft blockiert.

Sie zementiert die alten zentralen Strukturen und bindet Geld, Menschen, Ideen, Ressourcen, die dringend für die Weiterentwicklung enkeltauglicher Energie- und Speichertechnologien gebraucht werden. Der Möglichkeitsraum für neue Energien ist weit geöffnet. Es braucht keine mit Kohle und Uran betriebenen Großkraftwerke, die den Strom gnädig an die Untertanen verteilen. Die können längst eigenen Strom machen mit hauchdünnen Solarbeschichtungen, mit neuen unsichtbaren Solardachziegeln. Atomkraft – das ist die ziemlich ramponierte, alte Wunschmaschine, ein Abfallprodukt der Bombe und eine Erlöserphantasie der 1950er-Jahre. Ihr neuer Platz ist der Komposthaufen der Geschichte. Noch immer gilt: Kaffee zu kochen mittels gespaltener Urankerne ist nicht wirklich clever.

Mit dem Aufruf „Kein Geld für Atom und Erdgas!“ appellieren Campact, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, BUND und Nabu, die Ärztevereinigung IPPNW und weitere Organisationen an die Bundesregierung, den Taxonomie-Vorschlag der EU-Kommission abzuwenden – notfalls mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Den Appell kann man hier unterzeichnen.