Corporate America wendet sich von Trump ab

Quelle: Handelsblatt

Astrid Dörner, Katharina Kort

Nach dem Sturm aufs Kapitol

„Es tut mir leid, dass ich Trump gewählt habe“ – Corporate America wendet sich vom scheidenden Präsidenten ab

US-CEOs haben lange von Trump profitiert, doch schwenken nun kurz vor dem Ende der Präsidentschaft radikal um. Deutlich zu spät, finden Kritiker.

New York Es ist ein seltenes Eingeständnis, mit dem sich Investor Nelson Peltz am Donnerstag aus der Deckung begab: „Ich habe im November Trump gewählt. Heute bereue ich das“, sagte er dem US-Börsensender CNBC. Die Wirtschaftspolitik des republikanischen Präsidenten würde er zwar nach wie vor begrüßen, so der Chef des Hedgefonds Trian Partners.

Doch der Sturm aufs Kapitol sei „eine Schande. Als Amerikaner bin ich beschämt“, so der Milliardär. „Wir sind doch keine Bananenrepublik. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika!“

Seit dem von Trump initiierten Sturm aufs Kapitol haben sich Dutzende CEOs, Investoren und Verbände zu Wort gemeldet, um die Ereignisse zu verurteilen und sich von Trump zu distanzieren. Für Peltz und viele andere ist es eine späte Kehrtwende. Lange hat Corporate America Trump toleriert und unterstützt, vor allem, um von Trumps Steuersenkungen und seiner Deregulierungsinitiative zu profitieren.

Das hat Trump legitimiert, der sich selbst stets als erfolgreichen Businessman inszeniert und gern mit den mächtigsten CEOs des Landes umgeben hat. Doch es war eine gefährliche Allianz, auf die sich die Unternehmenswelt eingelassen hat und von der sich nun viele so schnell wie möglich lossagen wollen.

Die letzten Vertrauten wenden sich ab

Peltz spendete Millionen für Trump-nahe Organisationen und die Republikanische Partei, mit der er nun nichts mehr zu tun haben will. Vor einem Jahr organisierte er eine Spendenveranstaltung für Trump. Der Eintrittspreis lag bei über 500.000 Dollar. Peltz ist nicht der Einzige, der in den vergangenen Tagen eine 180-Grad-Wende vollzogen hat. Stephen Schwarzman, der Chef der US-Investmentgesellschaft Blackstone, spendete so viel wie kein anderer für Donald Trump und gehörte auch zu den inoffiziellen Beratern des Präsidenten.

Nach der verlorenen Wahl im November zeigte er zunächst noch Verständnis dafür, dass Trump alle juristischen Wege ausloten wolle, um das Ergebnis anzufechten. Doch Ende November drängte er Trump schließlich zu einer friedlichen Machtübergabe. Am Mittwoch nahm Schwarzman dann klar Abstand von Trump: „Der Aufstand, den wir nach der Rede des Präsidenten heute gesehen haben, ist erschreckend und ein Affront gegen die demokratischen Werte, die uns als Amerikaner wichtig sind“, stellte er klar.

Auch das Silicon Valley legte den Schalter um. Am Freitag sperrte Twitter dauerhaft Trumps Konto. Einen Tag zuvor hatte bereits Facebook den Präsidenten von der Plattform ausgeschlossen. Google warf am Freitag das soziale Netzwerk Parler aus dem App-Store, weil dort ungehindert zur Gewalt angestiftet werde. Apple erwägt den gleichen Schritt.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg war im Wahlkampf noch dadurch aufgefallen, dass er sich möglichst wenig in die Politik einmischen wollte. Nur nach öffentlichem Druck stoppte die Plattform politische Werbung, doch Politiker selbst wollte Zuckerberg nicht am Lügen hindern. „Wir werden weiterhin auf falsche oder umstrittene Informationen in Bezug auf Wahlen weltweit hinweisen. Aber das macht uns nicht zum Schiedsrichter über die Wahrheit.“

Am Donnerstag teilte Facebook dann mit: „Wir glauben, dass die Risiken, dem Präsidenten in dieser Zeit weiter zu erlauben, unsere Dienste zu nutzen, schlicht zu groß sind.“ Die Kehrtwende der CEOs kommt viel zu spät, mahnen Kritiker. Bei dem Sturm aufs Kapitol kamen fünf Menschen ums Leben. Der Schaden, auch für das Image der USA, ist immens.

„Das passiert, wenn wir unsere moralischen Prinzipien unseren vermeintlichen Geschäftsinteressen unterordnen“, sagte etwa der Chef der Ford Foundation, Darren Walker, der „New York Times“. Walker sitzt auch in den Verwaltungsräten des Finanzdienstleisters Square sowie des Modeunternehmens Ralph Lauren.

Trumps Eskapaden wurden ausgeblendet

Es war ein schwieriger Spagat, den Corporate America in den vergangenen vier Jahren versucht hat. Am Anfang von Trumps Amtszeit waren CEOs gern bereit, sich in diversen Gremien mit Trump zu treffen. Zu gut war die Chance, nach Jahren von Regulierungsoffensiven und höheren Steuern die Wirtschaftspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Trumps rassistische Äußerungen im Wahlkampf, seine charakterlichen Schwächen, die Vorwürfe über sexuelle Übergriffe – alles schien vergessen.

„Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Ich würde jedem Präsidenten helfen, weil ich ein Patriot bin“, sagte Jamie Dimon, Chef von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, zu Beginn von Trumps Amtszeit. „Das heißt nicht, dass wir immer mit allem übereinstimmen, was die Regierung tut.“

Immer wieder eckte Trump bei Unternehmenschefs an. Der damalige CEO von Harley Davidson, Matt Levatich, bekam das 2018 zu spüren. Der US-Präsident hatte sich mit der amerikanischen Kultmarke angelegt, nachdem Levatich 2018 entschieden hatte, stärker im Ausland zu produzieren. Grund waren Trumps Ausstieg aus dem Handelsabkommen mit Asien, TPP, sowie die hohen Zölle, die die EU als Antwort auf die US-Stahlzölle verhängt hatte.

Harley wollte deshalb vermehrt in der Nähe seiner Kunden im Ausland produzieren. Trump rief daraufhin zum Boykott der Motorräder auf, was die Aktie immer wieder unter Druck brachte. Es war ein Tabubruch. Deutlichen politischen Widerstand leisteten Levatich und andere Manager oder Verbände aber nicht.

Apple-CEO Tim Cook war noch 2019 dem neuen Beratungsgremium von Donald Trump beigetreten. Bei der ersten Sitzung saß er direkt neben dem Präsidenten. Als ihn Trump mit einem Klapser auf das Handgelenk aufrief zu sprechen, sagte Cook: „Es ist eine Ehre, in diesem Gremium zu dienen.“ Der CEO des Aktienunternehmens Visa, Al Kelly, lobte Trump auf der gleichen Sitzung für sein „sehr, sehr gutes Leadership“.

Späte Einsicht

Dass sich die Managerelite nun überrascht über Trumps gefährlichen und demokratiefeindlichen Kurs zeigt, will Deepak Malhorta nicht gelten lassen. „Wer sagt, dass sich niemand die Ereignisse aus Washington hätte vorstellen oder vorhersehen können, der war blind gegenüber all den Warnsignalen“, stellt der renommierte Management-Professor von der Harvard Business School klar. Schon am Mittwoch betonte er auf Twitter: „Wer jetzt noch schweigt, der gehört zu Trumps Wegbereitern.“

Malhorta hatte bereits Ende Oktober, kurz vor der Präsidentschaftswahl, einen Brief geschrieben, in dem er die Wirtschaftsführer des Landes aufrief, deutlicher Stellung gegenüber Trump zu beziehen. „Dies ist kein Versuch, die Meinung eines Vorstandschefs über den derzeitigen Präsidenten zu ändern. All diejenigen, die die große Gefahr erkennen, die Donald Trump für unsere Republik darstellt, dürfen jedoch nicht weiter schweigen“, hieß es in dem Brief, der von über 1000 Management-Professoren unterzeichnet wurde.

Die CEOs würden schließlich „immer wieder betonen, wie wichtig Werte und ihre Initiativen zum Thema Corporate Social Responsibility sind, sie pochen auf Nachhaltigkeit, Inklusion und ethische Geschäftspraktiken. Daher ist es inakzeptabel und unmoralisch, jetzt weiter zu schweigen.“

Gehör gefunden haben die Professoren erst jetzt. Apple-Chef Cook nannte den Sturm aufs Kapitol am Mittwoch ein „trauriges und beschämendes Kapitel in der Geschichte unserer Nation. Unsere Ideale sind vor allem dann am wichtigsten, wenn sie am meisten herausgefordert werden.“

Nur wenige Manager äußerten in ihren Statements jedoch direkte Kritik an Trump. Der Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry’s ist hier eine der wenigen Ausnahmen. „Wir haben am Mittwoch zwei Amerikas gesehen. In einem haben wir Rekord-Wahlbeteiligungen gehabt, getrieben von schwarzen Wählern, die dem ersten schwarzen und dem ersten jüdischen Senator aus Georgia zum Wahlsieg verholfen haben – die beste Seite unserer Demokratie“, schrieb das Unternehmen auf Twitter.

„In dem anderen Amerika haben wir einen überwiegend weißen Mob gesehen, der vom Präsidenten ermutigt wurde, sich gewaltsam Zugang zum Sitz unserer Demokratie zu verschaffen.“ Der frühere Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein kritisierte seine Wall-Street-Kollegen am Freitag dafür, Trumps Charakter zu lange ausgeblendet zu haben.

„Wenn man bereit ist, über den schlechten Charakter einer Person hinwegzusehen, weil sie gute Dinge für einen tut, dann kommt irgendwann die Quittung“, sagte Blankfein in einem Interview mit dem Finanzdienstleister Bloomberg. „Trump hat viele gute Dinge getan, aber immer auch einen schlechten Charakter gezeigt.“ Blankfein verabschiedete sich 2018 in den Ruhestand. In Trumps ersten Jahren als Präsident ist Blankfein jedoch nicht als lautstarker Kritiker des Präsidenten aufgefallen. Im Februar hatte der frühere Goldman-Chef noch Schlagzeilen mit seiner Aussage gemacht, dass er es schwieriger finden würde, „für Bernie Sanders zu stimmen als für Donald Trump“.

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