„Querdenker“-Protest in Leipzig: Triumph der Coronaleugner*innen

Quelle: taz, 8.11.20 – Sarah Ulrich 

„Querdenker“-Protest in Leipzig: Triumph der Coronaleugner:innen

Zehntausende Demonstrierende widersetzen sich in Leipzig der Polizei und den Infektionsschutzmaßnahmen – auch mit Gewalt.

LEIPZIG taz | Keine Angst vor dem Virus, das ist der Konsens bei den Demonstrierenden in Leipzig am Samstag. Zehntausende sogenannte Querdenker haben sich auf dem zentralen Augustusplatz eingefunden, angereist aus Städten in ganz Deutschland. Zahlreiche weitere sind über das Stadtgebiet verteilt. Etwa 45.000 Menschen will die Forschungsgruppe „Durchgezählt“ gezählt haben. Die Polizei spricht von mindestens 20.000 – Tendenz „eher mehr“.

Die Menschen stehen nah beieinander. Eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt hier kaum jemand, und wenn, dann mit Aufdrucken wie „Nötigung“ oder „Maulkorb“. Manche tragen Schilder, rufen nach „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“, fordern „Merkel muss weg“. An einem Stand werden Anstecker und Flyer verteilt, eine kleine Bibel liegt neben einer Broschüre, die ein „Ende der Corona-Diktatur“ fordert. Aus mobilen Lautsprechern dröhnt Xavier Naidoo.

Am Leipziger Hauptbahnhof kommen am Mittag immer mehr Menschen an, die dem Aufruf der Querdenken-Demonstration folgen. Darunter sind junge Menschen in Outdoor-Klamotten, Hippies in Pluderhosen und mit Trommeln, Esoteriker:innen, Reichsbürger, Familien, Senior:innen. Viele beziehen sich auf Verschwörungsideologien. Nur schwer lässt sich kategorisieren, was das hier für eine Melange ist, die eine Gemeinsamkeit haben: Die Verharmlosung oder gar Leugnung der Coronapandemie.

Eindeutiger sind die anderen: Bekannte Neonazis aus ganz Deutschland, die eigens für die Demonstration angereist sind. Hooligangruppen mit breiten Nacken und Vollvermummung, sportliche Jungnazis, verurteilte Rechtsextremisten, Führungskader der AfD, NPD, Die Rechte, der Dritte Weg. Hunderte Rechtsextreme mischen sich unter die Versammlung.

Später am Abend werden sie Journalisten zu Boden prügeln, die Polizei mit Leuchtgeschossen abschießen, Flaschen werfen. Die Polizei wird überfordert sein, die Aggression nicht eindämmen können. Die ursprünglich aufgelöste Versammlung wird Polizeiketten durchbrechen. Zehntausende Menschen werden ohne Genehmigung über den Leipziger Innenstadtring laufen, sich in der Tradition der Friedensgebete von 1989/90 sehen, die Revolution proklamieren. Die Polizei wird dabei einfach zuschauen.

Fragt man den Soziologen und Rechtsextremismusexperten David Begrich, was an diesem Tag in Leipzig passiert ist, spricht er von einer „Katastrophe mit Ansage“. Es sei absehbar gewesen, wer zu dieser Veranstaltung kommt und was dort passieren wird. „Dass man davor zurückgewichen ist, war ein politischer Fehler.“

Zuvor hatte die Stadt Leipzig die Anmeldung der Demonstration in der Innenstadt nicht genehmigt, kurzfristig wurde sie auf die Neue Messe weit außerhalb der Stadt verlegt. Die Veranstalter klagten – und bekamen Recht. Am Samstagmorgen entschied das Oberverwaltungsgericht Bautzen, dass die Querdenken-Kundgebung mit 16.000 Personen in der Innenstadt stattfinden darf.

Roxane Müller ist eine derjenigen, die extra aus Nordrhein-Westfalen angereist ist. Müller, 30 Jahre, mit blonden Dreadlocks und Piercings im Gesicht, verteilt rosa und weiße Luftballons gegen Spenden für die Querdenken-Organisatoren. Sie ist mit ihrem Sohn und ihrer Mutter gekommen. „Ich demonstriere gegen die Maßnahmen und die Maskenpflicht – vor allem für die Kinder“, sagt sie. An ihrem Pullover mit Querdenken-Aufdruck hängt ein Button mit dem Gesicht der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. „Der Hass ist sehr extrem“, sagt Müller. Ihr Sohn, ebenfalls blonde Dreads, höchstens 10 Jahre alt, nickt heftig. Müller sagt, er kriege von der Maske ständig Nasenbluten und Ausschlag. „Die Kinder werden traumatisiert.“ Es ist eine häufige Erzählung an diesem Tag: Man demonstriere für die Kinder, die unter der Maskenpflicht leiden würden.

Unter den Demonstrierenden sind viele Frauen und Familien, Menschen mit Regenbogenflagge und esoterisch anmutender Kleidung. Manche tragen ein Pro-Trump-Shirt, andere schwenken eine Reichsflagge. Der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Voigt posiert mit einem Transparent „Deutschland gegen den Corona-Wahnsinn“. Auf Schildern werden die „Mainstream-Medien“ mit „Holocaustkomplizen“ verglichen und „Kindermasken“ mit „Kinderschändern“. Eine Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand schreit Polizisten an: „Schützt euch und eure Kinder.“ Auf der Bühne leitet eine Rednerin eine gemeinsame „spirituelle Übung“ an. Eine andere Rednerin hingegen zitiert Hermann Göring und ruft „Hooligans, Gangs und Clans“ zur Unterstützung auf den Straßen auf.

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* Sarah Ulrich ist Journalistin, Moderatorin und Reporterin für die taz. Seit Oktober 2020 ist sie Landeskorrespondentin für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ihre Schwerpunkte sind soziale Bewegungen, Rassismus, rechte Gewalt, feministische Themen und modernen Formen der Kultur. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. Für die taz produziert sie den feministischen Podcast „We Care.