Sturm auf das Kapitol: strafrechtliche Aufarbeitung zerreißt Familien

Quelle: Vice – David Gilbert – 7.1.22

Sturm auf das Kapitol: strafrechtliche Aufarbeitung zerreißt Familien

Ein interessanter Artikel auf Vice  macht deutlich, wie der „Sturm auf das Kapitol“ im privaten Bereich nachwirkt. Er erzählt die Geschichte der Familie Reffitt nach 6. Januar 2021

„Am 5. Januar 2021 packte Guy Reffitt sein AR-15 Sturmgewehr und seine Smith & Wesson-Pistole ein, setzte sich in das Auto seiner Frau und fuhr 2.100 Kilometer von Wylie, Texas, nach Washington, D.C.

Am nächsten Tag besuchte Reffitt, Mitglied der texanischen „Three Percenter“-Miliz, Donald Trumps „Stop the Steal“-Kundgebung vor der Weißen Haus und marschierte mit der Menge zum US-Kapitol. Bei dem Sturm auf das Kongressgebäude soll er so vehement auf Polizeibeamte losgegangen sein, dass sie den Familienvater mit Geschossen und Pfefferspray zurückhalten mussten.

Geleakte Videos: So gefährlich war die Stimmung im erstürmten Kapitol

Auf einem Video ist Reffitt auf dem Treppenaufgang an der Westfront des Kapitols zu sehen. Unter seiner blauen Jacke trägt er eine schusssichere Weste, auf seinem Kopf einen schwarzen Motorradhelm mit Kamera. Er hält seine Hand hoch, während ein Polizeibeamter ihm Pfefferspray ins Gesicht sprüht. Ein paar Augenblicke später sieht man Reffitt erschöpft, wie er seine Augen mit Wasser ausspült. Als er nach Texas zurückkehrte, soll er laut Staatsanwalt zu seinem Sohn Jackson, 18, und seiner Tochter Peyton, 16, gesagt haben: „Wenn ihr mich ausliefert, seid ihr Verräter. Und ihr wisst, was mit Verrätern passiert … Verräter werden erschossen.“

Was er nicht wusste: Sein Sohn hatte Guy Reffitt bereits dem FBI gemeldet.Am 16. Januar 2021 tauchten Bundesbeamte vor dem Haus der Reffitts auf und nahmen den Familienvater fest. Ein gutes Jahr später wird sich Guy Reffitt nun vor Gericht wegen Angriffs auf einen Beamten der Kapitolpolizei, des Tragens einer Waffe auf Kapitolgelände und der Behinderung des Auszählungsprozesses verantworten müssen. Dazu wird ihm vorgeworfen, zwei seiner Kinder bedroht zu haben. Der Prozess ist für den 28. Februar angesetzt.“

Hier weiterlesen

Shenzhen – Megacitiy und Stadt der Zukunft

China-Experte Frank Sieren über Shenzhen – Megacity und Stadt der Zukunft | Podcast – 7.970 Aufrufe  – 09.06.2021 –

Shenzhen in Südchina gehört zu den jüngsten und innovativsten Städten der Welt. Ob E-Autos, Drohnen, 5G oder Roboter, die Megacity ist in vielem bereits heute führend, aber eben auch in Überwachung und Gesichtserkennung.

Seit fast 30 Jahren lebt Frank Sieren in Peking. Der gebürtige Saarländer ist einer der führenden deutschen China-Experten und hat den Aufstieg Chinas zur Weltmacht hautnah miterlebt.  Darüber hat er als Korrespondent unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“, die „Wirtschaftswoche“ und die „Deutsche Welle“ berichtet. Außerdem hat Frank Sieren bereits mehrere Bücher über China veröffentlicht.

In seinem neuen Buch „Shenzhen – Zukunft Made in China“ schreibt er über eine Stadt der Superlative und Gegensätze.

Diese Folge von SR 3 „Aus dem Leben“ wurde am 08.06.2021 auf SR 3 Saarlandwelle ausgestrahlt.

Brüssel will Atomkraft grün machen – Aufruf „Kein Geld für Atom und Erdgas“

|Datum: 05.01.2022 –  Quelle: Kontext, Ausgabe 562 – Debatte

Brüssel macht Atomkraft grün – Künstlich beatmet (von  Manfred Kriener)

Atomkraft – das ist die ziemlich ramponierte, alte Wunschmaschine, ein Abfallprodukt der Bombe und eine Erlöserphantasie der 1950er-Jahre. Ihr neuer Platz ist der Komposthaufen der Geschichte. Daran ändert auch das Nachhaltigkeitslabel der EU-Kommission nichts. Ein Kommentar.

Zehn Jahre nach Fukushima will die Europäische Gemeinschaft die Atomkraft im Paket zusammen mit fossilem Erdgas als nachhaltige und klimafreundliche Technologie einstufen. Mit dem Nachhaltigkeitslabel können AKW-Neubauten in Förderprogramme der EU aufgenommen werden, entsprechende Projekte bekommen Geld aus dem grünen EU-Topf.

Auch die Nachhaltigkeitsfonds an den Weltbörsen orientieren sich an solchen Vorgaben, wenn die Fondsmanager entscheiden, welche Aktien von welchen Unternehmen gekauft werden. Atommeiler hätten damit formal den gleichen Status wie Solarparks, Radwege oder Trinkwasseraufbereitungsanlagen. Alles öko! Alles prima fürs Klima.

Die Routine-Empörung beim grünen Ampelpersonal ist groß, sie kommt indes etwas spät, die Brüsseler Pläne liegen schon lange auf dem Tisch. Im Koalitionsvertrag soll ein entsprechender Passus, der die neue Bundesregierung verpflichtet hätte, gegen die Brüsseler Pläne Front zu machen, gestrichen worden sein. Man will offensichtlich keinen Atomstreit mit Frankreich lostreten. Denn es war der französische Präsident Macron, der für seine Atomenergie mit aller Macht das EU-Nachhaltigkeitsticket löste.

Kann eine Technologie nachhaltig sein, die im Falle ihres Versagens weite Landstriche Europas unbewohnbar macht, die Abfallprodukte produziert, die für Hunderttausende Jahre von der Biosphäre abgeschottet in tiefen geologischen Schichten vergraben werden müssen? Deren Spaltmaterial abgezweigt und für Atomwaffen oder terroristische Zwecke missbraucht werden kann? Eine Technologie, deren tödliches radioaktives Inventar nicht gegen gelenkte Flugzeugabstürze gesichert ist? Deren Strom inzwischen dreimal so teuer ist wie Strom aus erneuerbaren Energien?

Es hört sich an wie ein schlechter Witz oder wie blanker Irrsinn, es ist aber Realität im komplizierten Gefüge der EU, wo eine Kommissionspräsidentin von der Leyen regiert, die 2011 den deutschen Ausstieg mitgetragen hat, um zehn Jahre nach Fukushima in der EU die grünen Atommeiler auszurufen. Das vielfach herbeigeredete Comeback der Atomenergie wird es trotzdem nicht geben. Im Gegenteil: Die Talfahrt hält weiter an. Ohne massive staatliche Subventionen ist Atomkraft bereits heute mausetot. Jetzt wird sie von Brüssel künstlich beatmet.

Dass die Atommeiler kein Klimaretter sein können, haben wissenschaftliche Gutachten immer wieder bestätigt.

Um in nennenswertem Umfang den Kohleausstieg auszugleichen, müssten weltweit Zehntausende Meiler gebaut werden, die dann Mitte der 2030er-Jahre, also viel zu spät, betriebsbereit wären. Der Pfadwechsel hin zu wirklich klimafreundlichen modernen Technologien wird durch die Atomkraft blockiert.

Sie zementiert die alten zentralen Strukturen und bindet Geld, Menschen, Ideen, Ressourcen, die dringend für die Weiterentwicklung enkeltauglicher Energie- und Speichertechnologien gebraucht werden. Der Möglichkeitsraum für neue Energien ist weit geöffnet. Es braucht keine mit Kohle und Uran betriebenen Großkraftwerke, die den Strom gnädig an die Untertanen verteilen. Die können längst eigenen Strom machen mit hauchdünnen Solarbeschichtungen, mit neuen unsichtbaren Solardachziegeln. Atomkraft – das ist die ziemlich ramponierte, alte Wunschmaschine, ein Abfallprodukt der Bombe und eine Erlöserphantasie der 1950er-Jahre. Ihr neuer Platz ist der Komposthaufen der Geschichte. Noch immer gilt: Kaffee zu kochen mittels gespaltener Urankerne ist nicht wirklich clever.

Mit dem Aufruf „Kein Geld für Atom und Erdgas!“ appellieren Campact, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, BUND und Nabu, die Ärztevereinigung IPPNW und weitere Organisationen an die Bundesregierung, den Taxonomie-Vorschlag der EU-Kommission abzuwenden – notfalls mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Den Appell kann man hier unterzeichnen.

Der Sturm aufs Kapitol – ein Jahr danach

Herkunft: ZDF – Dauer: 82 Min. – Verfügbar: Vom 04/01/2022 bis 02/02/2022 – Genre: Dokus und Reportagen – Nächste Ausstrahlung am: – Donnerstag, 13. Januar um 09:30

Amerika in Aufruhr: Von Charlottesville zum Sturm aufs Kapitol

„Ein erstaunlicher und aufrüttelnder Bericht, der die Bedrohung durch gewalttätige, rechtsextreme Gruppen in den USA untersucht, die sich selbst als Verteidiger der Verfassung sehen, aber mit regierungsfeindlichen, rassistischen Ideologien und Kriminalität verbunden sind.

Der investigative Dokumentarfilm untersucht, wie rechtsextreme Gruppen durch den ehemaligen Präsidenten Trump zu Gewalt ermutigt wurden, wie sich Einzelpersonen radikalisierten und wie sich die politische Landschaft veränderte. Steht die nächste Gewalteskalation der Rechtsextremen bereits bevor? „In den letzten Jahren haben viele dieser rechtsextremen Gruppen und Milizen von Bürgerkrieg gesprochen, vom Sturz der Regierung“, sagt der Reporter Adam Clay Thompson. „Diese Gruppen sprechen von Revolution und glauben, dass wir eine tyrannische und zutiefst korrupte Regierung haben, die Trump daran gehindert hat, die Wahl für seine zweite Amtszeit zu gewinnen.“
Dieser aufrüttelnde Bericht untersucht die Bedrohung durch gewalttätige rechtsextreme Gruppen, die sich selbst als Verteidigende der US-Verfassung sehen, sich aber gleichzeitig auf staatsfeindliche sowie rassistische Ideologien berufen und mit der organisierten Kriminalität verbunden sind.

„Während wir über die Spaltung berichtet haben, die der ehemalige Präsident Trump von den ersten bis zu den letzten Tagen seiner Präsidentschaft geschürt hat, hat der jüngste Angriff auf das Kapitol die Notwendigkeit eines Journalismus unterstrichen, der die Machthabenden zur Rechenschaft zieht“ sagt Raney Aronson-Rath, Executive Producer von FRONTLINE.“

Regie: Rick Rowley – Land: USA – Jahr: 2021

Sturm auf das Kapitol

06.01.2022 ∙ Dokus im Ersten ∙ Das Erste

Der Angriff auf die US-Demokratie. Am 6. Januar 2021 drangen Hunderte Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump gewaltsam in den Sitz des US-Kongresses in Washington ein. Der preisgekrönte Autor und Regisseur Jamie Roberts zeichnet mit seinem Dokumentarfilm eine minutiöse Chronologie des schweren Angriffs auf die US-Demokratie nach.

Pockenimpfung: Als Deutschland 1874 die Impfpflicht gegen den erbitterten Widerstand von Impfgegnern einführte

Quelle: Wirtschaftswoche

Interview von Jürgen Salz 02. Januar 2022

Pockenimpfung: Als Deutschland die Impfpflicht einführte

Impfgegner leisteten erbitterten Widerstand – doch am Ende passierte das Gesetz den Reichstag. 1874 führte Otto von Bismarck die Pflicht zur Pockenimpfung ein – Deutschland wurde zum Vorbild in Europa. Eine Blaupause für Olaf Scholz? Ein Interview mit dem Historiker Bernd Gutberlet über erstaunliche Parallelen und frühe Fake News.

WirtschaftsWoche: Herr Gutberlet, Sie haben ein Buch über die Geschichte der Seuchen, insbesondere in Deutschland, geschrieben. Was können wir Corona-Geplagten aus der Historie lernen?
Bernd Ingmar Gutberlet: Ich wollte zeigen, dass es uns heute bei allem Schrecken und Horror, den das Coronavirus verbreitet, besser geht als früheren Generationen mit Pest oder Cholera, Tuberkulose oder Spanischer Grippe. Es ist gerade jetzt sehr aufschlussreich zu sehen, wie die Menschheit in früheren Jahrhunderten mit solchen Herausforderungen zurechtkam. Es gibt zahlreiche Parallelen, Ähnlichkeiten und Muster zur heutigen Zeit, natürlich auch Unterschiede.

Etwa beim Thema Impfpflicht, die gab es in Deutschland auch schon mal. Der Reichstag unter Bismarck beschloss 1874 die Pflicht zur Pockenimpfung. Was hat das Gesetz gebracht?
In den wenigen Jahren zuvor starben in Deutschland etwa 150.000 Menschen an den Pocken. Nach der Einführung der Impfpflicht wurde Deutschland eine weitgehend pockenfreie Zone mit einer Todesrate von unter 0,005 Prozent. Und ein Vorbild in Europa. Frankreich erließ erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Impfpflicht; unter anderem war Napoleon ein Gegner des Impfzwangs. In Deutschland stieg die Impfquote nach 1874 von etwa zwei Drittel auf zeitweise neunzig Prozent.

Gab es einen konkreten Auslöser für die Einführung der Impfpflicht?
Die Reichsgründung 1871 ermöglichte überhaupt erst eine nationale Impfpflicht. Zuvor existierten in einzelnen deutschen Staaten bereits Impfpflichten: zuerst 1805 im Fürstentum Hohenlohe-Langenburg; 1807 in den Flächenländern Bayern und Hessen-Darmstadt. In Preußen und im Königreich Westphalen gab es indirekte Impfpflichten – ohne Pockenimpfung kam niemand an eine Schule oder Universität. Oder eine für bestimmte Gruppen – Soldaten und Waisenkinder mussten geimpft werden. So ganz neu war das Thema also nicht. Der konkrete Auslöser war dann der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Unter den deutschen Soldaten, die weitgehend geimpft waren, lag die Zahl der Pockentoten relativ niedrig – im Gegensatz zur französischen Armee, die schlechter geschützt war. Durch die französischen Kriegsgefangenen verbreiteten sich die Pocken dann allerdings rasant in der weniger gut geschützten deutschen Zivilbevölkerung. Das führte dazu, dass Reichskanzler Otto von Bismarck im Februar 1874 das Impfgesetz im Reichstag einbrachte.

Was passierte mit denen, die sich verweigerten?
Der Staat verhängte Bußgelder, die aber in den jeweiligen Ländern unterschiedlich hoch ausfielen. Impfgegner mussten mit Gefängnisstrafen rechnen.

Wer hat denn die Einhaltung überwacht?
Im Deutschen Reich staatliche Behörden und Polizei. In der Frühzeit der Pockenimpfung Anfang des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Lehrer und Pfarrer, die damals als Autoritätspersonen galten und die Impfung propagierten. Die sollten in ihren Gemeinden darauf achten, wer geimpft ist und wer nicht – und sprachen die Leute auch darauf an. Oft haben die Lehrer und Pfarrer die Lanzette dann auch selbst angesetzt. Die Preußen ließen die Pfarrer von der Kanzel predigen, dass die Impfung ein Geschenk Gottes sei.

Woher kam der Impfstoff? Wer war das Biontech des 19. Jahrhunderts?
Es gab ja noch keine Pharmaindustrie. Der Impfstoff wurde aus den Lymphen von Kühen gewonnen, die von den für Menschen ungefährlichen Kuhpocken infiziert waren. In Berlin gab es den Arzt Johann Immanuel Bremer, der aufs Land hinausfuhr, um von infizierten Kühen den Impfstoff zu gewinnen. Das staatliche Preußische Impfinstitut bereitete den Impfstoff dann auf, führte Statistiken und Dokumentationen, ließ Plakate und Informationsschriften drucken und verlieh Impfurkunden und -medaillen.

Was können nun Olaf Scholz und Karl Lauterbach aus den damaligen Erfahrungen lernen?
Die Situation damals und heute lässt sich ja schwer vergleichen. Die Pockenimpfung war die erste Impfung, die es weltweit jemals gab. Es gab noch kein Gesundheitswesen im heutigen Sinne, die Medikalisierung der Gesellschaft begann gerade erst. Bislang waren Mediziner für die Oberschicht da. Wissenschaftliche Standards und erprobte Verfahren bei Impfungen existierten noch nicht. Die Vorbehalte der Impfgegner waren also berechtigter als heute.

Gab es seinerzeit viele Impfgegner?
Durchaus, vor allem waren sie lautstark. Die ersten traten bereits um 1800 auf – kurz nachdem der britische Arzt Edward Jenner die ersten Pockenimpfungen vorgenommen hatte. Die Gegner argumentierten etwa, dass nichts Tierisches verimpft werden dürfe. Sie sprachen sich dagegen aus, das Selbstbestimmungsrecht der Menschen zu verletzen. Darunter fanden sich Naturmediziner, Tierversuchsgegner, Anhänger des Vegetarismus und Philosophen der Aufklärung. Sie misstrauten der Mehrheitsmeinung, der Wissenschaft und den Ärzten, denen sie Geldschneiderei und Profilierungssucht vorwarfen. Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Impfgegner zu, sogar eine eigene Zeitschrift gaben sie heraus – „Der Impfgegner“. Immerhin sorgte ihr Furor dafür, dass es strengere Vorgaben für Impfärzte gab und sich die Impfstoffqualität nach und nach verbesserte. Damit wurden Impfschäden seltener.

Woher kamen die Impfgegner?
Besonders viele fanden sich in Württemberg und Sachsen. In Sachsen gab es viele Anhänger der Alternativmedizin, das könnte eine Erklärung sein. Der Widerstand äußerte sich dort etwa darin, dass viele Sachsen versuchten, mit ärztlichen Bescheinigungen die Impfung zu umgehen.

Wer waren die führenden Köpfe bei den Impfgegnern?
Einer der ersten Kritiker war der damals schon sehr betagte Philosoph Immanuel Kant. Er argumentierte, die Pocken seien wie der Krieg ein Instrument der Natur gegen Überbevölkerung; ein menschliches Eingreifen sei inakzeptabel. Allerdings hat sich Kant nur am Rande mit dem Thema beschäftigt. Später waren es Leute wie der Stuttgarter Arzt Carl Georg Gottlob Nittinger, der jahrzehntelang mit sehr harten Bandagen gegen die Pockenepidemie kämpfte. Der Baden-Badener Bariton Carl Griebel wetterte gar gegen eine „Diktatur über Gesundheit“ und fabulierte von einer jüdischen Weltverschwörung. Antisemitismus war schon damals mit dabei in der Impfgegnerbewegung.

Bis heute scheint sich da nicht so viel geändert zu haben. War die Härte der Auseinandersetzung typisch?
Ganz klar. Auch ohne soziale Medien haben die Gegner seinerzeit Fake News verbreitet. Der publizistische Aufwand war beträchtlich. Da wurden Statistiken so zurecht gebogen, wie es passte. Menschen, die eines natürlichen Todes starben, wurden zu Impftoten erklärt. Oft war der Widerstand auch politisch dominiert: Das preußisch dominierte Kaiserreich hatte viele Gegner. Die Debatte im Reichstag war jedenfalls sehr erregt.

Wie knapp fiel denn am Ende die Entscheidung im Reichstag aus?
Trotz der Aktivitäten der Impfgegner erhielt das Gesetz dann doch mühelos die Mehrheit quer durch die Fraktionen, weil die Zahl der Pockentoten so hoch war. Viele Kritiker des Impfgesetzes saßen in der Reichstagsfraktion der katholischen Zentrumspartei. Die beiden liberalen Parteien unterstützen den Impfzwang. Sozialdemokraten und Konservative verfolgten keine einheitliche Parteilinie.

PS: Die allgemeine Impfpflicht gegen Pocken bestand in Deutschland bis 1975. Im Jahr 1959 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass die Impfpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei.

Bernd Ingmar Gutberlet, Jahrgang 1966, ist Historiker und Autor zahlreicher Bücher. Im Herbst 2021 erschien sein Werk „Heimsuchung. Seuchen und Pandemien: Vom Schrecken zum Fortschritt“ (342 Seiten, Europa-Verlag). Daneben arbeitet Gutberlet als Stadtführer in Berlin.

Mehr zum Thema: Pandemien bringen Tod, Krankheit, Leid. Die Seuchen früherer Jahrhunderte induzierten aber auch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Sie schufen eine neue Klasse von Medikamenten. Und sorgten für eine bessere Kanalisation in den Städten. Drei bedeutende Beispiele – und eine entscheidende Frage: Kann Corona etwas Positives bewirken?

Das Integrationsparadox: Aladin El-Mafaalani

7.651 Aufrufe08.10.2018

Das Integrationsparadox: Aladin El-Mafaalani  #Live aus dem Buchladen  7.651 Aufrufe – 08.10.2018

Wer davon ausgeht, dass Konfliktfreiheit ein Gradmesser für gelungene Integration und eine offene Gesellschaft ist, der irrt. Konflikte entstehen nicht, weil die Integration von Migranten und Minderheiten fehlschlägt, sondern weil sie zunehmend gelingt. Gesellschaftliches Zusammenwachsen erzeugt Kontroversen und populistische Abwehrreaktionen – in Deutschland und weltweit. Aladin El-Mafaalani nimmt in seiner Gegenwartsdiagnose eine völlige Neubewertung der heutigen Situation vor. Wir reden mit ihm drüber #Live im CORRECTIV-Buchladen

AfD-Demo in Göppingen – Eine asoziale Veranstaltung

Quelle: Kontext Ausgabe 560 Gesellschaft

Gesa von Leesen  – 22.12.2021

AfD-Demo in Göppingen – Eine asoziale Veranstaltung

Wenn ein grüner Oberbürgermeister, der aus der antifaschistischen Arbeit kommt, eine AfD-Demo dulden muss, tut das besonders weh. Göppingens OB Alex Maier hat tapfer ausgehalten, als am Samstag 600 AfD-AnhängerInnen in der Stadt Alice Weidel umjubelten und „Maier muss weg“ skandierten.

Die AfD ist mit Corona in einer Zwickmühle. Zu Beginn der Pandemie forderte Alice Weidel noch schärfere Schutzmaßnahmen für ältere Menschen und Grenzkontrollen wenn nicht gar -schließungen. Denn das Land sei in „einer echten Krise“, sagte sie im Bundestag. Fast zwei Jahre später arbeitet sich die rechtsextreme Partei weiter an der Regierung ab, allerdings umgekehrt. Nun sind ihr die Corona-Maßnahmen zu strikt. Innerparteilich ist die Truppe uneins, manche nehmen Corona ernst, andere verharmlosen das Virus. Am Wochenende starb der Pforzheimer AfD-Landtagsabgeordnete Bernd Grimmer an Covid19. Noch im September hatte er auf Facebook lange Posts über das „Corona-Regime“ und gegen die Impfpolitik abgesetzt. Was nun? Ist Corona gefährlich oder harmlos?

Da legt sich die Partei lieber nicht so fest. Da sie ausschließlich davon lebt, gegen irgendwas zu sein, ist sie nun gegen eine Corona-Impfpflicht. So auch am Samstag auf dem Göppinger Schillerplatz, wo Alice Weidel, Vorsitzende der Bundestagsfraktion und Sprecherin der AfD Baden-Württemberg, der Bundestagsabgeordnete Martin Hess und der Göppinger Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Goßner stets das gleiche sagten: „Freiheit“, „Grundrechte“, „körperliche Unversehrtheit“, „die-da-oben“, „wir-sind-die-Mitte-der-Gesellschaft“, „Mut“, „Freiheit“, „DDR“, „Jens Spahn“ (buh!), „Olaf Scholz“ (buh!), „freie Bürger“, „Danke, dass Sie da sind“, „tolle Stimmung hier“, „Zwang“, „Unterdrückung“, „Hände weg von unserer Gesundheit“, „Sündenbock Ungeimpfte“ und so weiter.

Kein Wort zu Corona-Toten, kein Wort zu überfüllten Intensivstationen, kein Wort zu überlastetem Pflegepersonal. Das interessierte hier nicht. Das Ding mit „Die-da-oben sind die Bösen, Wir-hier-unten die Guten“ kam erwartungsgemäß gut an („A-lice! A-lice!“) beim dicht gedrängt stehenden Publikum, ganz gleich ob Frau mit lila Haaren, Mann im braunen Anzug oder Glatzkopf mit Tätowierung. Die meisten ZuhörerInnen trugen Masken, ein geschätztes Fünftel kümmerte sich nicht darum, Abstand wurde überhaupt nicht eingehalten. Die Polizei griff nicht ein. Wie zu hören war, um Solidarisierungseffekte zu vermeiden, wenn Einzelne aus der Kundgebung rausgezogen würden. Ob diese Taktik perspektivisch erfolgreich ist, kann ja mal in Sachsen oder Stuttgart abgefragt werden.

Vom Herzen lieber Gegendemo

Eine richtige Gegendemo gab es in Göppingen nicht. Vor dem Bahnhof wurde eine eher symbolische Mahnwache gehalten. Dort standen einzelne VertreterInnen von Gruppen wie Kreis Göppingen nazifrei, Grüne Jugend, Jusos, Linke im Kreis. Das sei so abgesprochen gewesen, erklärt Göppingens OB Alexander Maier. Man habe keine Massenaufläufe haben wollen, weil man die in Pandemiezeiten ja gerade vermeiden müsse. Deswegen sei die AfD-Kundgebung in seinen Augen auch „asozial“.

„Dass eine politische Partei zu so etwas einlädt, was die Bürgerinnen und Bürger belastet, dafür habe ich kein Verständnis“, sagte Maier am Rande der Kundgebung. Die war zur Hauptstraße hin mit Gittern abgesperrt, auch damit dort die Autos freie Fahrt hatten. Auf der anderen Straßenseite, von Polizisten abgeschirmt, standen ein, zwei Dutzend GegendemonstrantInnen. „Niemand will euch hier“, hieß es auf einem Pappschild in Richtung AfD, als Weidel im schwarzen Audi vorgefahren wurde, gab’s Pfiffe.

Maier hielt sich die gesamte Kundgebung über außerhalb des Schillerplatzes auf. „Vom Herzen her würde ich lieber in einer Gegendemo mitlaufen“, sagt er. Sauer schaut er rüber zu den AfD-AnhängerInnen. Natürlich sei das Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung ein hohes Gut. Aber er sorge sich um die Menschen in der Stadt. „Da sind viele Ungeimpfte zu vermuten. Und dann auf so engem Raum …“ Eine kleine Freude bereitet ihm, dass kurzfristig an nahezu sämtlichen Bäumchen und Pfählen auf dem Schillerplatz Plakate mit Impfaufforderungen aufgehängt wurden. „Ohne Impfen kommen wir aus dieser Coronasituation nicht raus.“

Im Landkreis Göppingen ist die AfD recht aktiv, das ist in Wahlkampfzeiten vor allem an mit Plakaten vollgepflasterten Gemeinden zu sehen. Der Wahlerfolg liegt trotz Rückgängen über dem Baden-Württemberg-Durchschnitt, so holte die Partei bei der jüngsten Landtags- und Bundestagswahl hier jeweils um die zwölf Prozent. Im Kreistag stellt sie sechs von 67 Abgeordneten, im Göppinger Gemeinderat vier von 41. Maier kennt die Rechten in seiner Heimat, politisiert wurde der Grüne in genau dieser Arbeit: gegen rechts. Die tat in Göppingen auch Not. Denn Maiers Vorgänger Guido Till, CDU, tat bei regelmäßigen Nazi-Aufzügen in Göppingen jahrelang so, als würden die verschwinden, wenn man sie nicht beachtet. Auch das dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass der Grüne bei der OB-Wahl im November vorigen Jahres knapp gegen den CDU-Mann gewann und mit 29 Jahren Deutschlands jüngster OB wurde.

Hier den Rest des Artikels lesen

Critical Mass 2019, 2020 und auch 2022 – Wir radeln gemeinsam für die Verkehrswende – von März bis Oktober

Die Critical Mass hat sich mittlerweil in Kirchheim u. Teck etabliert – seit Juli 2019 radeln wir in Kirchheim von März bis Oktober an jedem zweiten Freitag im Monat ab 17.30 Uhr von der Stadtbücherei aus gemeinsam für die Verkehrswende – auch 2020 und 2021 nicht von Corona gebremst .

Was die Kirchheimer Critical Mass hervorhebt: Martin Schmid hat fast jede Tour filmisch dokumentiert.

Playliste auf dem Kanal von Martin Schmid. Liste unter

https://www.youtube.com/playlist?list=PL5eMKhQxCplDjvWpg5euihYhm11kHOzGI

2021 sind folgende Filme erschienen:

12. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/4kLkIAwZX6E „Wir fahren gemeinsam Fahrrad“

13. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/Wu-vEvvXGBk „Nach 13 Veranstaltungen wird es Zeit für einen Appell! Liebe Stadt Kirchheim, erwache. Liebe Verkehrsplaner, macht einfach mal euren Job, anstatt billige rote Todesstreifen zu malen.“

14. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/dcJmaIf4200 „Denn das Auto wird schneller verschwinden, als wir denken.“

15. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/9mdrRJqDQCI „Wenn ich auf meinem Fahrrad fahr….“

16. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/onMa1C7-SBI „Wir sind die Größten, auch wenn wir wenig sind.“

17. Kirchheimer Critical Mass Kein Film, weil Martin in dieser Zeit mit der „Kirchheimer Friedenstour“ unterwegs war

18. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/6Cq4svbytDM „Wenn 18 gleich nach 16 kommt.“

19. Kirchheimer Critical Mass https://youtu.be/1bBUIT-vqmM „Die Alarmglocken sind unüberhörbar.“

Am Freitag, 11. März 2022 starten wir zur Critical-Mass-Saison 2022.

Müssen wir «Eigentum» neu denken? | Philosophischer Stammtisch | SRF Kultur

Müssen wir «Eigentum» neu denken? | Philosophischer Stammtisch | SRF Kultur – 74.346  Aufrufe – 20.09.2021

Immer mehr sprechen sich gegen Eigentum aus: Würden wir nicht haben, sondern teilen, würden wir Ressourcen sparen und dem, was wir gemeinsam besitzen, mehr Sorge tragen. Doch besagt nicht das Problem der Allmende, dass das, was keinem gehört, bald verlottert, weil sich keiner dafür zuständig fühlt?

Die Wogen gingen hoch, als bekannt wurde, dass das Grundstück des Tennisspielers Roger Federer bis ans Seeufer reichen soll und der Öffentlichkeit der Zugang zum See nicht mehr möglich sein würde.

Gehört der See nicht allen? Ähnlich die Frage, wem der Boden in den Zentren gehört: Den Reichen, die sich das Wohnen in den Großstädten noch leisten können? Dem Rest bleibt dann die Agglomeration.

In Berlin haben Aktivistinnen und Aktivisten aus genau diesem Grund ein Volksbegehren gestartet, um Wohnungskonzerne zu enteignen. Die Philosophie hatte immer ein ambivalentes Verhältnis zum Eigentum: Für die einen sind Eigentumsrechte der Kern unserer Freiheit. Für die anderen läuten sie das Ende jeden Gemeinwohls ein. Eigentum – Wurzel allen Übels? Oder der Königsweg in die Freiheit? Lässt sich Eigentum überhaupt vernünftig begründen?

Am Philosophischen Stammtisch diskutieren Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger mit der Philosophin Eva von Redecker, die mit ihrem Buch «Revolution für das Leben» Eigentum neu denken will, und mit dem Philosophieprofessor Francis Cheneval, der unter anderem als Sonderbeauftragter für «Property Rights» bei der UNO tätig war und sagt: Eigentumsrechte sind für die Entwicklung einer Gesellschaft zentral.

Impfgegner – Wer profitiert von der Angst?

Impfgegner – Wer profitiert von der Angst? | Doku HD | ARTE –1.282.806 Aufrufe – 16.12.2021 –ARTEde – 

Vor rund zehn Monaten startete die weltweite Corona-Impfkampagne. Zahlreiche Impfgegner steuern dagegen. Wer sind diese Menschen? Welche Motive verfolgen sie und wovor haben sie Angst?

Um das besser zu verstehen, werden am Beispiel des britischen Arztes Andrew Wakefield, einer zentralen Figur der Anti-Impf-Bewegung, die Entwicklungen innerhalb der Impfgegnerschaft dargelegt.

Während die weltweit größte Impfkampagne der Geschichte im Gange ist, begehren die Impfkritiker dagegen auf. Ihren enormen Einfluss verdankt die Bewegung verschiedenen Methoden sowie finanzieller Unterstützung und einigen Leitfiguren.

Die Dokumentation folgt einer dieser Galionsfiguren: dem in Großbritannien mit einem Berufsverbot belegten Arzt Andrew Wakefield. In einer wissenschaftlich unsauberen und mittlerweile zurückgezogenen Studie stellte er anhand von zwölf Fällen einen Zusammenhang zwischen der Impfung mit dem MMR-Kombinations-Impfstoff, der gegen Mumps, Masern und Röteln eingesetzt wird, und Autismus her.

In der Folge fielen die Impfraten insbesondere in Großbritannien deutlich ab. Anhand dieser Geschichte und ihrer Einordnung von verschiedenen Experten wird die aktuelle Entwicklung innerhalb der Anti-Impf-Bewegung beleuchtet.

Es geht um finanzielle Mittel und wirtschaftliche Interessen, alternative Behandlungsmethoden und Spezialkliniken, Propaganda und rhetorische Mittel, die die Impfgegner einsetzen. Seit der Schweinegrippe haben politische Extreme und Verschwörungstheorien rund um das Thema Impfung zugenommen: von der Überwachung per Mikrochip bis zum „großen Neustart“, dem „Great Reset“.  

Außerdem trifft der Dokumentarfilm Menschen in unterschiedlichen Ländern, die das Impfen kategorisch ablehnen oder skeptisch abwarten. Warum will sich der junge US-Amerikaner Ethan impfen lassen, obwohl seine Eltern dagegen sind? Was treibt den französischen Landwirt Julien dazu, den Impfpass seines Sohnes vor dessen Einschulung zu fälschen? Weshalb war die Pariserin Julie, die wegen einer Masernerkrankung auf den Rollstuhl angewiesen ist, erst nach 20 Jahren bereit, sich impfen zu lassen? Und was erklärt, dass in Deutschland eine Homöopathie-Ärztin falsche Maskenatteste und Impfzertifikate ausstellt?

Die Porträts der aktuellen oder ehemaligen Impfgegner und -skeptiker machen deutlich, wie sehr die eigene Lebensgeschichte die Impfentscheidung eines Menschen beeinflusst. Dokumentarfilm (F/GB 2021, 90 Min)


Ein Jahr Corona-Impfung: Geschichte von Impfung und Impfpflicht I kulturzeit –65.077 Aufrufe – 27.12.2021