Soziologe Harmut Rosa über die zunehmende Aggression in einer zukunftslosen Gesellschaft

Quelle: https://taz.de/Hartmut-Rosa-im-Gespraech/!5902948/

Hartmut Rosa im Gespräch: Die Zukunft ist nicht zu sehen

Der Soziologe Hartmut Rosa über die zunehmenden Aggressionen einer zukunftslosen Gesellschaft.

taz FUTURZWEI: Was war die Zukunft in der Vergangenheit, was ist sie in der Gegenwart und was müsste sie in der Zukunft sein, Herr Rosa?

Hartmut Rosa: Als Soziologe interessiert mich nicht die Ideengeschichte, also das, was im philosophischen Diskurs relevant war, sondern die Mentalitätsgeschichte, also das, was kulturprägend war.

Meine These lautet: Wir leben in der Gesellschaft, die sich nur dynamisch stabilisiert, also des permanenten Wachstums und der Beschleunigung bedarf, um sich selbst zu erhalten. Das zwingt in ein mehrfaches Aggressionsverhältnis.

Nämlich?

Erstens, Aggression gegen die Natur, über die man immer besser herrschen muss. Zweitens, Aggressionen auch in sozialen Verhältnissen, weil die anderen Menschen als Konkurrenten wahrgenommen werden. Drittens führt das zu einem aggressiven Selbstverhältnis, etwa in der Selbstoptimierung. Bei allen Schattenseiten, die die Moderne mit sich brachte, herrschte lange eine generelle kulturelle Stimmung, die Wachstum als Vorwärtsbewegung betrachtet. Das sieht man daran, dass überall, wo Modernisierungsprozesse stattfinden, Eltern sagen, sie arbeiten hart, damit es die Kinder mal besser haben. Die Idee war, dass Wachstum zur Überwindung von Knappheit führt, auch zur Überwindung von Unwissenheit, Armut und Mangel. Und damit zu einem freieren und besseren Leben. Der Strom der Geschichte geht von unseren Vätern und Müttern durch uns hindurch in eine bessere Zukunft.

Das ist vorbei?

Ja, um das Jahr 2000 herum hat sich dieser Horizont eingetrübt, und jetzt geht es global eher darum, dass Eltern für ihre Kinder das erhalten wollen, was sie haben. Es gibt eine Umfrage unter Jugendlichen mit mehr als 70.000 Antworten aus Deutschland und Frankreich, nach der nur noch 22 Prozent glauben, dass sie ein besseres Leben haben werden als ihre Eltern. Das dreht die kulturelle Verfassung um 180 Grad.

Was passiert jetzt?

Man hat nicht mehr das Gefühl, wir laufen nach vorn und auf einen Horizont zu, und es macht Spaß, zu kämpfen, sich anzustrengen, um etwas zu schaffen. Jetzt müssen wir immer schneller laufen, bloß um nicht abzurutschen. Wir laufen gegen einen Abgrund an, der immer näher auf uns zu kommt. Jetzt heißt es in der Regierung, wir müssen es schaffen, aus der Krise »herauszuwachsen«. Aber wir wissen: Wenn wir genau das schaffen, werden wir die ökologische Krise verschlimmern. Und das verstärkt die Aggressionshaltung.

Dieses biografische Modell, wonach es immer besser für einen selbst wird und man seine Lebensverhältnisse durch Akkumulation von Qualifikationen erhöhen kann und es nach vorn geht, ist ein relativ neues Phänomen.

Hier weiterlesen

Philipp Blom – „Die Unterwerfung“ – „Die Krise Unternehmen der Gegenwart – Ist die Welt aus den Fugen?“

Vom Mythos der wirtschaftlich schädlichen Erbschaftssteuer

Quelle: Netzwerk Steuergerechtigkeit

Vom Mythos der wirtschaftlich schädlichen Erbschaftsteuer

Volker Grossmann | Veröffentlicht am 12. Dezember 2022

Gastbeitrag: Prof. Dr. Volker Grossmann* (Universität Freiburg / Schweiz; CESifo, München; IZA, Bonn)

Die derzeitige Erbschaft- und Schenkungsbesteuerung in Deutschland nutzt das Potenzial einer Reduktion der Vermögenskonzentration nicht, obschon dadurch der Großteil der Gesellschaft bessergestellt werden könnte. Das derzeitige System privilegiert vor allem Empfänger hoher Erbschaften, ohne dass dies ökonomisch zu rechtfertigen ist. Insbesondere könnte die weitestgehende Gleichstellung von Betriebsvermögen und anderem Vermögen mit flankierenden Maßnahmen implementiert werden, die produktive Familienbetriebe in ihrer Substanz schützen.

  1. Hohe Erbschaften, Vermögenskonzentration und mangelnde Chancengleichheit

Vermögen ist sehr ungleich zwischen den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland verteilt. So fällt auf das reichste Hundertstel der Bevölkerung etwa 30% des Nettovermögens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur etwa 3% besitzt (WID, 2022).

Dabei spielen Erbschaften eine große Rolle. So ist etwa der Anteil des geerbten Vermögens am Gesamtvermögen in Deutschland seit den 1970er Jahren von etwa 20% auf gut 50% angestiegen. Die jährlichen Erbschaften betrugen in jüngerer Zeit gut 10% des Nettonationaleinkommens (Brülhart et al., 2018), etwa 300 bis 400 Milliarden Euro jährlich. Die Erbschaften sind dabei ähnlich konzentriert wie das Vermögen. So erhält ein Zehntel der Empfänger knapp 50% der übertragenen Vermögen, während bei der unteren Hälfte der Empfänger nur insgesamt 7% der Erbschaften ankommt (Baresel et al., 2021, Abb. 1). Zudem gilt: Je höher das Haushaltsnettoeinkommen, desto häufiger ist der Bezug von Erbschaft oder Schenkung (Baresel et al., 2021, Abb. 3). Dies ist ein Ausdruck dessen, dass die soziale Herkunft die ökonomischen Chancen auf individueller Ebene in hohem Maße prägt, nicht zuletzt in Bezug auf Bildung.

John Stuart Mill – der wohl bekannteste Vertreter der liberalen Ökonomie – sah Erbschaften bereits Mitte des 19. Jahrhunderts im Konflikt mit dem gesamtgesellschaftlichen Interesse und hat eine substantielle Erbschaftsbesteuerung befürwortet (Mill, 1848; Ekelund & Walker, 1996).

Dass hohe Erbschaften sowohl die Chancengleichheit als auch Leistungsanreize von Erben untergraben und somit dem Kerngedanken des Liberalismus entgegenstehen, spielt heute in selbsternannten, (wirtschafts-) liberalen Kreisen jedoch bedauerlicherweise keine Rolle mehr.

Dabei wäre die Erkenntnis angesichts der steigenden Erbschaften und dem hohen Anteil des leistungslos erworbenen Vermögens in Deutschland wichtig wie lange nicht. So gibt es in ökonomisch ungleichen Gesellschaften, in denen das individuelle Wohlgehen weitgehend vom Elternhaus abhängig ist, unerwünschte politische Folgen in Form von (Rechts-) Populismus (Guriev & Papaioannou, 2022) und geringem sozialen Zusammenhalt (Vergolini, 2011).

Beispiele sind Fremdenfeindlichkeit, Wissenschaftsskepsis, geringes Vertrauen in staatliche Institutionen und Verschwörungstheorien verschiedener Art. Gezielte Kampagnen staatlicher und nicht-staatlicher Akteure zur Verstärkung dieser Tendenzen fallen gerade in einer von hoher Vermögenskonzentration und Abstiegsängsten geprägten Gesellschaft auf fruchtbaren Boden. Eine chancengleichere Gesellschaft hingegen würde die Akzeptanz demokratischer Werte und staatlicher Institutionen stärken.

Obschon gerade die hohen Erbschaften verteilungspolitisch problematisch sind, beinhaltet die aktuelle Erbschaftsteuergesetzgebung in Deutschland viele Ausnahmeregelungen, welche Erben sehr hoher Vermögen tendenziell bevorteilen.

Grund dafür und gleichzeitig der Dreh- und Angelpunkt in der langanhaltenden Debatte über die Erbschaftsteuer ist die Behandlung von Unternehmensübergängen. Zwar ist diese Debatte aus mehreren Gründen verständlich. Aus individueller Sicht möchte ein Unternehmer seinen Betrieb an eine Nachfolgegeneration weitergeben und zudem sind erfolgreiche Betriebe gesellschaftlich wünschenswert. Allerdings ist festzuhalten, dass die hohe Vermögensungleichheit auch mit dem Aufbau und Vererbung erfolgreicher Unternehmen einhergeht. Zudem hat die Erbschaft- und Schenkungssteuer in Deutschland als Folge der Steuerprivilegien für Unternehmenserben im letzten Jahrzehnt (von 2011 bis 2020) im jährlichen Durchschnitt gerade mal 0,87% des Steueraufkommens (5,9 Mrd. Euro) generiert (eigene Berechnung auf Basis der Daten des BMF, 2022).

Somit ist die zentrale Herausforderung, das Erbschaftsteuersystem so zu reformieren, dass die Vermögensungleichheit abgebaut und gleichzeitig die Arbeitsplätze sowie der unternehmerische Erfolg in Familienunternehmen nicht gefährdet werden. Zum Erreichen des ersten Teilziels wäre es nötig, die Übertragungen von Unternehmen weitestgehend genauso zu behandeln wie sonstiges Vermögen.

Der vorliegende Beitrag erläutert, warum es ein Mythos ist, dass dies im Konflikt stünde mit dem Erreichen des zweiten Teilziels, produktive Familienunternehmen in ihrer Substanz nicht zu gefährden.

Abschnitt 2 legt dar, welche Privilegien im derzeitigen Erbschaft- und Schenkungssteuerrecht für die Übertragung von Unternehmenseigentum bestehen und welche Gründe dafür angeführt werden. Abschnitt 3 diskutiert das derzeitige Erbschaftsteuersystem in Deutschland im Lichte der Literatur über wohlfahrtsoptimale Besteuerung. Dabei geht es insbesondere um die Fragen, wie hoch die Erbschaft- und Schenkungssteuersätze sein sollten und warum die privilegierte Behandlung von Betriebsvermögen aus ökonomischer Sicht problematisch ist. Abschnitt 4 stellt einen Maßnahmenkatalog vor, der eine weitestgehende Gleichbehandlung der Vermögensarten im Erbschaft- und Schenkungssteuerrecht und somit dem Abbau der Vermögensungleichheit ermöglicht, ohne Investitionen und Arbeitsplätze zu gefährden. In Abschnitt 5 finden sich Schlussbemerkungen.

Die Abschnitte 2 bis 5 hier weiterlesen

Jeffrey Sachs: Leitfaden für den Frieden

Quelle: Nachdenk-Seiten https://www.nachdenkseiten.de/?p=91890

Ein Leitfaden für den Frieden

Zum Jahresende einmal ein Hauch Optimismus – auch wenn der Krieg in der Ukraine weitergeht und UN-Generalsekretär sich jüngst skeptisch zur Möglichkeit baldiger Friedensgespräche geäußert hat: Jeffrey Sachs, US-Star-Ökonom und kritischer Beobachter der Konfrontation zwischen der NATO und Russland in der Ukraine, sieht kleine Anzeichen zur Hoffnung. Übersetzung: Susanne Hofmann

Von Jeffrey Sachs

Der Ukraine-Krieg ist ein extrem gefährlicher Krieg zwischen Atommächten in einer Welt, die dringend auf Frieden und Kooperation angewiesen ist.Es gibt einen neuen Hoffnungsschimmer für ein Ende des Ukrainekrieges durch Verhandlungen. Jüngst sagte US-Präsident Joe Biden auf einer Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron:

„Ich bin dazu bereit, mit Herrn Putin zu sprechen, wenn er daran interessiert ist und nach einer Möglichkeit sucht, den Krieg zu beenden. Bis jetzt war das nicht der Fall. Wenn es aber so weit ist, setze ich mich – in Absprache mit meinen französischen und NATO-Freunden – gerne mit Putin zusammen, um zu sehen, was ihm vorschwebt.“

Präsident Wladimir Putins Sprecher erwiderte, Russland sei bereit für Verhandlungen, die „der Sicherung unserer Interessen“ dienten. Jetzt ist die Zeit zu vermitteln und zwar unter Berücksichtigung der Kerninteressen und des Verhandlungsspielraumes der drei Hauptbeteiligten an diesem Konflikt: Russland, die Ukraine und die Vereinigten Staaten.

Der Krieg verheert die Ukraine. Laut EU-Präsidentin Ursula von der Leyen hat das Land bereits 100.000 Soldaten und 20.000 Zivilisten verloren. Nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland, die USA und die EU – ja, die gesamte Welt – würden von einem Ende des Konfliktes enorm profitieren, es bedeutete ein Ende der atomaren Bedrohung, die derzeit über der Welt schwebt, und der zerstörerischen wirtschaftlichen Folgen des Krieges.

Es ist an der Zeit, dass die Vereinigten Staaten und Russland, zwei Großmächte der Vergangenheit wie auch der Zukunft, ihre Größe zeigten – durch gegenseitigen Respekt, Diplomatie und ein gemeinsames Bemühen, nachhaltige Entwicklung für alle zu gewährleisten.

Niemand geringerer als der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der Vereinigten Staaten, General Mark A. Milley, drängt auf eine politische Verhandlungslösung des Konfliktes. Er konstatiert, dass die Chancen der Ukraine auf einen militärischen Sieg „nicht groß“ seien.

Es gilt vier Hauptthemen zu verhandeln: 1. die Souveränität und Sicherheit der Ukraine; 2. das heikle Thema NATO-Erweiterung; 3. das Schicksal der Krim; 4. und die Zukunft des Donbass.

Die Ukraine verlangt vor allem, ein souveräner Staat zu sein, ohne von Russland dominiert zu werden und mit sicheren Grenzen. In Russland sind einige der Ansicht, darunter vielleicht Putin selbst, dass die Ukraine tatsächlich ein Teil Russlands ist. Es wird keinen Verhandlungsfrieden geben, ohne dass Russland die Souveränität der Ukraine wie auch ihre nationale Sicherheit anerkennt, die durch explizite internationale Garantien des UN-Sicherheitsrats und von Staaten wie Deutschland, Indien und der Türkei unterstützt werden.

Russland verlangt vor allem, dass die NATO darauf verzichtet, sich bis zur Ukraine und nach Georgien auszudehnen, weil das die Umschließung Russlands und des Schwarzen Meeres bedeuten und die Ukraine und Georgien zu den bereits bestehenden NATO-Mitgliedsstaaten am Schwarzen Meer, nämlich Bulgarien, Rumänien und Türkei, hinzufügen würde. Die NATO bezeichnet sich als Verteidigungsbündnis, doch Russland sieht das anders, da es den Hang der USA kennt, Regime-Change Operationen gegen Regierungen, die sie ablehnen, durchzuführen – inklusive 2014 in der Ukraine, als die USA dabei mitwirkten, den damaligen pro-russischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu stürzen.

Russland beansprucht auch die Krim, die seit 1783 als Heimathafen für die russische Schwarzmeerflotte dient. Putin warnte George W. Bush im Jahr 2008, dass sich Russland die Krim – welche der Sowjetführer Nikita Chrustschow 1954 von Russland an die Ukraine übergeben hatte – wieder holen würde, wenn die USA die NATO in die Ukraine drängten. Bis zum Sturz Janukowitschs herrschte ein besonnener Umgang auf Grundlage russisch-ukrainischer Vereinbarungen, die einen langfristigen Pachtvertrag über Russlands Flotte in Sewastopol auf der Krim beinhalteten.

Die Ukraine und Russland haben höchst unterschiedliche Auffassungen zum Donbass und seine überwiegend ethnisch russische Bevölkerung. Während die ukrainische Sprache und Identität im Großteil der Ukraine überwiegen, dominieren im Donbass die russische Identität und Sprache. Nach Janukowitschs Sturz wurde der Donbass zur Kampfzone zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Milizen, die pro-russischen Kräfte erklärten den Donbass schließlich für unabhängig.

Das Minsk II Abkommen im Jahr 2015 war eine diplomatische Vereinbarung mit dem Ziel, die Kämpfe zu beenden. Es beruhte auf der Autonomie bzw. der Selbstverwaltung der Donbass-Region innerhalb ukrainischer Grenzen sowie der Anerkennung der russischen Sprache und Kultur. Nach der Unterzeichnung stellten führende ukrainischen Politiker klar, dass sie die Vereinbarung ablehnten und sie nicht umsetzen würden. Obgleich Frankreich und Deutschland Garantiemächte des Abkommens waren, übten sie keinen Druck auf die Ukraine aus, ihren Part zu erfüllen. Aus der Sicht Russlands erteilten die Ukraine und der Westen auf die Weise einer diplomatischen Lösung des Konflikts eine Absage.

Ende 2021 wiederholte Putin Russlands Forderung, dass sich die NATO nicht weiter gen Osten ausdehnen und insbesondere nicht um die Ukraine erweitern solle. Die USA jedoch verweigerten Verhandlungen über die NATO-Erweiterung. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte damals provozierend, Russland habe bei dem Thema nichts zu melden, ausschließlich NATO-Mitglieder würden darüber entscheiden, ob Russland am Schwarzen Meer eingekreist würde.

Im März 2022, einen Monat nach dem russischen Einmarsch, erzielten Putin und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wesentliche Fortschritte auf dem Weg zu einer pragmatischen Verhandlungslösung zur Beendigung des Krieges und zwar auf der Basis einer Nicht-Erweiterung der NATO, internationaler Garantien der Souveränität und Sicherheit der Ukraine sowie der Aussicht auf eine friedliche Lösung der strittigen Themen Krim und Donbass. Türkische Diplomaten erwiesen sich als äußerst fähige Mediatoren.

Dennoch verließ die Ukraine den Verhandlungstisch, vielleicht auf Drängen Großbritanniens und der USA, und will erst wieder verhandeln, wenn Russland militärisch aus der Ukraine hinausgedrängt ist. Seitdem ist der Konflikt eskaliert, Russland hat nicht nur die zwei Donbass-Regionen Lugansk und Donezk, sondern auch noch Cherson und Saporischschja annektiert. Jüngst heizte Selenskyj die Situation weiter an, indem er den Abbruch ukrainischer Verbindungen mit russisch-orthodoxen Institutionen verlangte, was den Abbruch religiöser Bindungen ethnischer Russen und vieler ethnischer Ukrainer gleichkäme, die tausend Jahre zurückreichen.

Da sich sowohl die USA als auch Russland nun behutsam dem Verhandlungstisch nähern, ist die Zeit reif für Vermittlungen. Mögliche Vermittler sind die Vereinten Nationen, die Türkei, Papst Franziskus, China und vielleicht noch andere – in der ein und anderen Kombination. Wie eine erfolgreiche Vermittlung aussehen könnte ebenso wie eine Friedenslösung, ist ziemlich klar.

Bei der Vermittlung geht es im Kern darum, dass alle Parteien legitime Interessen und Grund zur Klage haben. Es war Unrecht, dass Russland gewaltsam in die Ukraine einmarschiert ist. Die USA taten Unrecht daran, 2014 Janukowitsch zu stürzen, dann die Ukraine massiv aufzurüsten und zugleich die NATO-Erweiterung mit Ziel der Umkreisung Russlands am Schwarzen Meer voranzutreiben. Als Nachfolger Janukowitschs verweigerten die ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und Wolodymyr Selenskyj, das Minsk II Abkommen umzusetzen.

Frieden wird kommen, wenn die USA auf eine weitere NATO-Erweiterung in Richtung von Russlands Grenzen verzichten; wenn Russland seine Streitkräfte aus der Ukraine zurückzieht und die einseitige Annexion ukrainischen Territoriums zurücknimmt; wenn die Ukraine ihrerseits auf die Wiedereingliederung der Krim verzichtet und den Rahmen von Minsk II akzeptiert; und wenn alle Beteiligten sich darauf einigen, die souveränen Grenzen der Ukraine gemäß der UN-Charta und auf Grundlage der Garantien des UN-Sicherheitsrates und anderer Staaten zu sichern.

Der Ukraine-Krieg ist ein extrem gefährlicher Krieg zwischen Atommächten in einer Welt, die dringend auf Frieden und Kooperation angewiesen ist. Es ist höchste Zeit, dass die USA und Russland, zwei Großmächte der Vergangenheit und der Zukunft, ihre Größe zeigten – durch gegenseitigen Respekt, Diplomatie und ein gemeinsames Bemühen, nachhaltige Entwicklung für alle zu gewährleisten – inklusive der Menschen in der Ukraine, die besonders dringend Frieden und Wiederaufbau brauchen.

Mehr zum Thema:

Jeffrey Sachs: „Das ist ein Krieg zwischen Russland und den Vereinigten Staaten“

Der Rückzug von Kiew, Butscha und Boris Johnson: Woran die ersten Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland scheiterten

Ukrainischer Geheimdienst entzieht dänischer Star-Reporterin die Akkreditierung und bietet Deal an: Rückgabe bei ausschließlich positiver Berichterstattung

Undercover im Neonazi-Geheimbund Hammerskins | WDR Doku

Die Doku deckt auf, welche Gefahr von den „Hammerskins“ ausgeht – einem rechtsextremen Netzwerk, das im verborgenen agiert und oft fatal unterschätzt wird. Sie glauben an die „Vorherrschaft der weißen Rasse“, trainieren für einen angeblich bevorstehenden Umsturz am „Tag X“ und haben Verbindungen ins Umfeld rechtsextremer Terroristen. Die „Hammerskins“ sind eine der einflussreichsten und ältesten rechtsextremen Gruppierungen in Deutschland.

Ob beim lukrativen Rechtsrock oder bei rechtsextremen Kampfsport-Events – führende „Hammerkins“ haben an vielen Stellen ihre Finger im Spiel. Trotzdem ist noch immer wenig über sie bekannt. Recherchen des MDR und des WDR-Magazins MONITOR zeigen: Die „Hammerskins“ sind eine Art Geheimbund, bleiben gerne unter dem Radar und ziehen im Hintergrund die Fäden. Sie verstehen sich als Eliteorganisation, sind weltweit vernetzt und organisiert wie ein Rockerclub: Abschottung nach außen, Hierarchien nach innen. Es gibt kaum Aussteiger – wer einmal dabei ist, bleibt dabei oder schweigt anschließend. Umso außergewöhnlicher sind die Einblicke ins Innere des Neonazi-Geheimbundes, die die Dokumentation liefert.

Unter großem Risiko verdeckt gedrehte Aufnahmen von wichtigen Veranstaltungen, Auszüge aus internen Foren, Fotos von geheimen Treffen, konspirativen Konzerten und sogar Schießtrainings zeigen, wie aktiv und gewaltaffin die „Hammerskins“ sind. Die Recherchen zeigen auch: Immer wieder gab es rechtsextreme Morde und Gewalttaten, bei denen die Täter aus dem Hammerskin-Spektrum stammen. Sogar bei Terroranschlägen spielten Mitglieder der Hammerskins eine Rolle. Auch den Sicherheitsbehörden ist das aufgefallen. Trotzdem scheinen sie oft tatenlos zuzusehen. Halten Sie sich bewusst zurück? Auffällig ist: Mehrere Hammerskins wurden in der Vergangenheit als V-Leute enttarnt. Konsequenzen – wie etwa ein Verbot – hat es nie gegeben. Dabei ist der Geheimbund umtriebig wie eh und je.

00:0004:16 Die Hammerskins 04:1705:56 Die Hierarchie bei den Hammerskins 07:0108:16 Das Netzwerk der Hammerskins 11:4712:33 Regelwerke der Hammerskins 15:5818:09 Rolle des Musikbusiness für die rechtsextreme Szene 19:4522:55 Kampfsport und Gewalt 22:5625:02 „Kampf der Nibelungen“ 26:5429:54 Hammerskins und rechter Terror 37:2139:07 Rolle des Verfassungsschutzes 40:5842:46 Hammerskins bei Corona-Protesten

 Ein Film für Die Story von Johanna Hemkentokrax, Axel Hemmerling, Julia Regis und Jochen Taßler Dieser Film wurde im Jahr 2022 produziert. Alle Aussagen und Fakten entsprechen dem damaligen Stand und wurden seit dem nicht aktualisiert. 

Mehr Dokus in der ARD Mediathek: http://www.wdr.de/k/doku_mediathek Weitere Dokus zum Thema: 💚 Hammerskins – Das geheime Neonazi-Netzwerk – https://www.youtube.com/watch?v=ysthR… 💚 Die Zschäpe-Anwälte im „NSU-Prozess“ – Heer, Stahl und Sturm – https://youtu.be/EfZ1A65OF8M 💚 Wie Rechtsextremisten unsere Schulen unterwandern – https://youtu.be/LQrxlpPEa98 💚 Im Visier – Neonazis planen den Umsturz | DokThema | Doku | BR – https://www.youtube.com/watch?v=h5p1y… 💚 Ex-Neonazi: Wie wir Deutschland stürzen wollten | STRG_F – https://www.youtube.com/watch?v=Fh-mJ… ______ #Hammerskins #Rechtsextremismus #WDRDoku

Jung, rechts, gewaltbereit | Doku | exactly

Wut auf der Straße – Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Pulverfass Pazifik: Chinas Aufstieg zur Seemacht

Pulverfass Pazifik: Chinas Aufstieg zur Seemacht

Seit seinem Machtantritt vor zehn Jahren hat Xi Jinping die „nationale Wiedergeburt Chinas“ zu einer Art heiligem Gral erhoben. Getragen wird diese Vision von einem rückwärtsgewandten Nationalismus. Umgesetzt wird sie durch eine zunehmend aggressive Politik im Südchinesischen Meer unter Einsatz sogenannter maritimer Milizen. Droht der gesamten Region ein Konflikt?

Bei seinem Machtantritt 2012 machte Xi Jinping die „nationale Wiedergeburt Chinas“ zur Priorität. Einhergehen würde sie mit dem Aufbau einer mächtigen Armee sowie der „Wiedervereinigung“ mit Taiwan. In diesem Bestreben ist die Kontrolle der Weltmeere entscheidend geworden. Amerika wurde zum Hindernis: Seit zehn Jahren versucht die Kommunistische Partei, den Einfluss der USA im Südchinesischen Meer und im Pazifik gezielt zu mindern. Mit aktiver Unterstützung sogenannter maritimer Milizen – von der Armee ausgebildeten Fischern – schafft Peking eine Grauzone zwischen Krieg und Frieden und destabilisiert damit sowohl seine Nachbarn als auch die Militärgroßmacht USA.
Als Antwort auf die zunehmende Aggressivität Chinas hat sich auf Initiative Indiens und Japans eine neue Front gebildet: der Indopazifik. Ein neues geopolitisches Konzept, das für freie Schifffahrt steht und ein Gegengewicht zu Chinas wachsendem Einfluss in der Region bildet.
Für die USA bedeutet die Taiwan-Frage ein existenzielles Dilemma: Soll man nun in den Krieg ziehen, um Taiwan vor einer Zwangsvereinigung mit China zu schützen? Oder soll man das Risiko in Kauf nehmen, dieses Bollwerk gegen die Einflussnahme Pekings im Pazifik zu verlieren und damit jedoch selbst weiter geschwächt zu werden?
Weder die USA noch China wollen heute einen Krieg. Dennoch bereiten sich beide darauf vor und die Gefahr, dass der Konflikt eskaliert, ist groß. Die zunehmenden Spannungen im Pazifik läuten eine Ära der Unsicherheit und Instabilität für die ganze Welt ein.

Regie Anne Loussouarn

Land Frankreich

Jahr 2021

Herkunft ARTE F

Christian Felber: Gemeinwohlökonomie