Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit.

Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 11-20221

Auszug aus: Franziska Schutzbach. Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit. Droemer Verlag. 2021

von Franziska Schutzbach

In modernen Beziehungen und Familien tragen Frauen nach wie vor die Hauptverantwortung für Hausarbeit, Kinderbetreuung und vor allem für die sogenannte mentale Arbeit, für das „Gesamtmanagement“. In Kombination mit der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen führt dies zu dramatischen Erschöpfungszuständen. Das ist nicht allein ein Effekt traditioneller Einstellungen, sondern es ist grundlegender: Unsere Wirtschaft baut auf der Ausbeutung und Abwertung von Sorgearbeit auf. Sorgearbeit gilt auch heute als eine dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich bedient. Wenn die Erschöpfung aufhören soll, müssen wir das System ändern.

Im Jahr 1989 publizierte die Soziologin Arlie Hochschild ihre Studie „The Second Shift“. Hochschild zeigte, dass berufstätige Frauen zusätzlich immer noch eine zweite Schicht zu Hause absolvieren.[1] Hochschild fragte: Wenn beide Eltern erwerbstätig sind – wer holt dann die Kinder vom Kindergarten ab, kocht Essen und macht die Wäsche? Was Hochschild damals herausfand, war vorhersehbar: Die meisten Frauen absolvierten nach einem langen Erwerbsarbeitstag zusätzlich mehrere Stunden unbezahlter Hausarbeit. Frauen arbeiten, wenn man die Familien- und Hausarbeit dazuzählt, in den USA insgesamt einen Monat mehr pro Jahr als Männer.

Heute ist das nicht sehr viel anders.[2] Im Verlauf der 1980er Jahre konnten sich immer weniger Familien ein sogenanntes Hausfrauenmodell leisten (viele konnten es sich noch nie leisten), mit dem Preis, dass die Haus- und Familienarbeit zunehmend unter Druck geriet und unter großem Stress absolviert werden musste. Der Effekt war schon damals Müdigkeit, Erschöpfung, Schuldgefühle und Überarbeitung seitens der Frauen. Hochschild beschrieb, was heute unter dem Begriff „Mental Load“ bekannt ist: Selbst bei Paaren, die sich Erwerbs- und Familienarbeit einigermaßen gerecht aufteilten, bleibt die mentale und emotionale Verantwortungslast oft bei den Frauen. Sie bleiben die Projektleiterinnen, die den Überblick über Arzttermine, Kindergeburtstage und passende Winterkleider haben, die häufiger auf ihr Telefon schauen, um zu kontrollieren, ob der Babysitter oder die Kita angerufen haben, die also innerlich wie äußerlich konstant mit Familienarbeit befasst sind.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe November 2021. Klicken Sie hier, um zur Inhaltsübersicht dieser Ausgabe zu gelangen.

Und nicht zuletzt sind sie es, die für die emotionale Stabilität der Kinder, für Harmonie und Ausgleich in der Familie – auch in der erweiterten Konstellation mit Großeltern und Verwandten – zuständig sind. In Familien, in denen die Eltern geschieden sind oder die aus vielen Mitgliedern bestehen, fällt vor allem Frauen die Verantwortung in die Hände, alles so zu planen, dass sich niemand auf die Füße getreten fühlt oder sich über etwas ärgert. Sie sind es, die die mentale und emotionale Arbeit leisten, die sich konstant zuständig fühlen und denen auch nach Feierabend noch der Ofen auffällt, der zu putzen ist, oder die Ferien, die zu planen wären. Das ist wohl auch ein Grund, weshalb viele Frauen im Corona-Homeoffice beruflich nicht so viel schaffen wie die männlichen Kollegen: Sie fühlen sich im Homeoffice auch für die Haus- und Familienarbeit permanent zuständig. Selbst wenn es keine kleinen Kinder zu versorgen gibt, ist das Zuhause für viele Frauen ein Ort, der ständig ruft: Putz mich, räume mich auf! Das Zuhause ist eine Baustelle, die nie fertiggestellt wird – es gibt ja noch die Pflanzen, die Fenster, die Post.

Die Comiczeichnerin Emma hat das Thema in ihrem Buch „Mental Load. A Feminist Comic“ pointiert dargestellt: Männer gehen Hausarbeit eher so an, dass sie fokussiert eine Sache machen. Und dann ist das abgeschlossen. Zum Beispiel den Tisch abräumen. Frauen dagegen beginnen, den Tisch abzuräumen, unterwegs stolpern sie über ein schmutziges Küchentuch, das bringen sie zum Wäschekorb, der aber voll ist. Also setzen sie eine Wäsche auf und treffen auf den zuvor eingekauften Gemüsekorb, den sie dann kühl stellen, und während sie das tun, fällt ihnen auf, dass der Senf aufgebraucht ist, und schreiben das auf einen Einkaufszettel. Und wenn sie schon beim Einkaufszettel sind, können sie auch gleich noch überlegen, was es sonst noch braucht, und dazwischen wickeln sie vermutlich ein Kind, lösen einen Konflikt zwischen Geschwistern auf und nehmen einen Anruf entgegen. Insgesamt hat es dann zwei Stunden gedauert, bis der Tisch abgeräumt ist.

Frauen haben ihre Antennen meist in alle möglichen Richtungen gerichtet. Sich die richtigen Geschenke überlegen, mit Erziehungstipps befassen oder Listen erstellen kann natürlich auch Freude bereiten. Das bedeutet aber nicht, dass diese Aktivitäten nicht anstrengend sind. Und: Dass einige Frauen gerne an Geburtstage denken, ändert nichts an der Tatsache, dass viele das Gefühl haben, dass es von ihnen erwartet wird. Diese Pflichtgefühle sind oft so tief verwurzelt, dass Frauen akute Schuldgefühle bekommen können, wenn sie jemanden vergessen.[3] Auch der Umgang mit diesen Schuldgefühlen oder anderen Gefühlen, etwa sich Sorgen machen, gehören zur mentalen und emotionalen Arbeit, die Frauen leisten – zu Hause wie im Beruf.

Frauen ist oft nicht bewusst, dass sie neben der körperlichen Hausarbeit auch andauernde mentale und emotionale Arbeit leisten. Und auch sonst fehlt in der Gesellschaft dieses Bewusstsein. Dies hat mehrere Auswirkungen: Erstens sind Frauen beinahe doppelt so oft von Stress betroffen wie Männer.[4] Zweitens führt es dazu, dass Frauen weniger Ruhepausen haben. Sie geben oft an, dass sie sich schwer damit tun, zur Ruhe zu kommen. Auch wenn die Aufgaben erledigt sind, die sie sich vorgenommen haben, denken sie oft noch über Dinge nach, die gemacht werden müssen – von ihnen oder von anderen Personen. Drittens haben Frauen ein höheres Burn-out-Risiko, denn bei Personen, deren Tätigkeiten viel Emotionsarbeit erfordern, ist die Wahrscheinlichkeit eines Burn-outs höher.[5]

Auch Männer kennen natürlich emotional und planerisch entgrenzende Situationen, dies aber vor allem im Beruf. Zu Hause sind ihre Aufmerksamkeit und ihr Pflichtgefühl nicht das Gleiche, sie fühlen sich mehr als Unterstützer, Helfer oder Assistenten der Frauen und nicht in der Hauptverantwortung. Und letztlich fühlen sich viele Männer für Schmutz und Unordnung auch deshalb weniger zuständig, weil es nicht auf sie zurückfällt, wenn nicht geputzt ist.

Wie heterosexuelle Familien Arbeit (nicht) teilen

Aber wie sieht es bei heutigen heterosexuellen Paaren mit Kindern genau aus? Sehen wir nicht auch eine Modernisierung und neue Vaterrollen? In der Schweiz gibt ein Viertel der Väter in heterosexuellen Konstellationen an, dass sie sich aktiv um den Nachwuchs kümmern oder kümmern möchten. In Deutschland sind es sogar siebzig Prozent. In sogenannten kreativen Berufsmilieus sind viele Väter einen oder zwei Tage die Woche zu Hause, andere versuchen, während Randzeiten, am Wochenende oder in den Ferien präsent zu sein. Auch in den USA geben Väter an, dass sie es sich aus beruflichen und finanziellen Gründen zwar nicht leisten können, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, sich aber trotzdem mit ihren Kindern beschäftigen und in der Familie präsent sind: Die meisten dieser Väter sagen, dass sie die Zeit mit ihren Kindern als Bereicherung empfinden und die Beziehung ihrem Leben Sinn gibt.

Allerdings führt die Beteiligung von Vätern an der Kinderbetreuung keineswegs automatisch zu einer ausgeglicheneren Arbeitsteilung. Mehrere Studien belegen, dass selbst in den skandinavischen Vorbildländern die institutionalisierte Vaterzeit nicht die erhoffte Wirkung zeigt: In Schweden nimmt ein Großteil der Väter gerade mal zwei von 15 Monaten Elternzeit in Anspruch. Für Männer bleibt es oft eher eine freiwillige Option, und wenn sie aus verschiedenen Gründen die Elternzeit nicht oder nur zum Teil in Anspruch nehmen, wird vorausgesetzt, dass die Mütter die dadurch entstehende Lücke füllen. Umgekehrt ist das keineswegs so. Die schwedische Forscherin Lisbeth Bekkengen hat zudem beobachtet, dass Mütter in Elternzeit wie gehabt auch für den Hauptteil des Haushalts verantwortlich sind. Das gilt für Väter meist nicht. Vielmehr etabliert sich eine umgekehrte Dynamik: Gerade, weil Männer sich um das Kind kümmern, können sie die Hausarbeit ihren Frauen überlassen.[6]

Die Forscherin fand heraus, dass es eine Art Paradoxie der Anerkennung gibt: Männer erhalten in der Regel für ihren Beitrag besonderen Beifall. Wenn dieselbe Arbeit von Frauen verrichtet wird, gilt sie als selbstverständlich. Auch Frauen betonen oft mit Nachdruck, wie bemerkenswert es sei, dass ihre Männer für ihre Kinder sorgen oder sorgen wollen. Die Familiensoziologie nennt dieses Phänomen „Ökonomie der Dankbarkeit“: Frauen, deren Partner sich an der Kinderbetreuung beteiligen, sind dafür in der Regel dankbar. Und trauen sich deshalb oft nicht, auch in Sachen Haushalt oder Planung mehr einzufordern. Kurz gesagt: Wenn Männer auf Kinder aufpassen, putzen Frauen mehr, und ihre unsichtbaren Zuständigkeiten werden erst recht nicht mehr hinterfragt. Das verstärkte Engagement der Väter mit den Kindern ist also nur bedingt eine Entlastung. Eine geteilte Kinderbetreuung kann alte Ungleichheiten unter dem Deckmantel des guten Willens verstärken. Wenn beide gleich viel Zeit mit den Kindern verbringen, bleibt die physische wie mentale Hausarbeit oft erst recht bei den Frauen.

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Rezension „Die Erschöpfung der Frauen“ in: Süddeutsche Zeitung, 10.11.21