Die akademische Mittelklasse an den Schalthebeln der Macht: Sind die Schlauen zu mächtig?

Quelle: Neue Züricher Zeitung, 27.2.21

Nathalie Taiana / NZZ

Sind die Schlauen zu mächtig?

In den letzten Jahrzehnten ist die akademische Mittelklasse an die Schalthebel der Macht gelangt. Nun gibt es in vielen westlichen Ländern eine heftige populistische Revolte dagegen. Die Schweiz geht auf ihre eigene Art mit diesem Bildungsgraben um.

Handarbeit ohne Perspektive?

  1. Kopf, Hand, Herz

Dieser Dreiklang erinnert Schweizer Ohren erst einmal an Pestalozzi. Der Urvater der Schweizer Pädagogik mahnte bekanntlich schon vor zweihundert Jahren, es komme auf die richtige Mischung an. Pestalozzis Name taucht zwar nicht auf im neuen Buch von David Goodhart, sein Motto hingegen dient dem britischen Sachbuchautor gleich als Titel. «Kopf, Hand, Herz» überschreibt er seine faszinierende Gesellschaftsanalyse zum Verhältnis von Kopfarbeit, Handwerk und sozialen Berufen. Was etwas fad klingen mag, birgt jede Menge Pfeffer in sich. Um es kurz und scharf in Goodharts Worten zu formulieren: «Die Schlauen haben zu viel Macht.»

Seine zentrale These geht so: «In den wohlhabenden Nationen haben wir ein sehr begrenztes Spektrum von Fähigkeiten – die kognitiv-analytischen ‹Kopf-Kompetenzen› – zu stark honoriert, und zwar finanziell wie gesellschaftlich. Wir haben die Definition eines gelungenen Lebens zu eng gefasst und den Weg dorthin mit dem Studium zu schmal gestaltet. (. . .) Im Namen von Effizienz, Gerechtigkeit und Fortschritt wurden Formen des Wettbewerbs eingeführt, in denen die Besten erfolgreich sind, während sich der große Rest als Versager fühlen darf.»

Die Gewinner dieser Entwicklung bezeichnet Goodhart als «kognitive Klasse» von zumeist akademisch Gebildeten. Verlierer sind die traditionellen nichtakademischen Berufsleute, vom Buschauffeur über die Supermarktverkäuferin bis hin zur Pflegerin im Altersheim, die sich zunehmend unverstanden und alleingelassen fühlen. Im Corona-Jahr haben sie zwar für einmal Applaus eingeheimst. Doch für wie lange?

Goodhart, 64, Sohn eines konservativen Unterhausabgeordneten und in früheren Jahren Redakteur der «Financial Times», war einer der Ersten, die diesen Aufruhr aus einer neuen Perspektive zu betrachten begannen. Bereits 2017, noch vor der Brexit-Abstimmung, schrieb er ein Buch, das bald zum Bestseller wurde und sich wie eine vorgezogene Analyse dieses politischen Epochenbruchs liest: «The Road to Somewhere». Darin beschreibt er eine tiefe weltanschauliche Kluft zwischen den urbanen, kosmopolitischen, zumeist akademisch gebildeten Eliten der Wissensgesellschaft. Er nennt sie die «Anywheres», weil sie im Grunde überall leben könnten.

Auf der anderen Seite stehen die «Somewheres», also die traditionelle Mittelklasse, weniger gebildet, aber stärker verwurzelt. Die Somewheres suchen Sicherheit und schätzen das Vertraute, sie wollen und können im Unterschied zu den individualistischen Anywheres nicht einfach weg, wenn es ihnen nicht mehr passt, denn sie hängen am Lokalen und orientieren sich am Nationalen. Die Somewheres waren es auch, die in den letzten Jahrzehnten unter Druck gerieten, wirtschaftlich wie auch von ihrem gesellschaftlichen Ansehen her. Zum Beispiel der Facharbeiter, der seine gutbezahlte Arbeit in der Automobilfabrik verlor, nun als Parkplatzwächter jobbt, keinen Anspruch mehr auf eine Krankenversicherung hat, worauf sich auch seine Frau von ihm trennte. Die Folge der Entfremdung von Somewheres und Anywheres, so Goodhart, ist eine «populistische Revolte» in diversen westlichen Ländern: Brexit, Gelbwesten in Frankreich, AfD in Deutschland, Matteo Salvini in Italien – und natürlich Donald Trump.

In den letzten Jahren sind gleich mehrere renommierte Ökonomen, Soziologen und Politologen zu teilweise ähnlichen Befunden gelangt wie David Goodhart; etwa Robert Putnam, Paul Collier, Andreas Reckwitz oder Michael Sandel. In seinem Buch «Vom Ende des Gemeinwohls» schildert Sandel eine privilegierte akademische Elite, die ihre eigenen Meriten überschätzt und zugleich jene demütigt, die keine tollen Diplome vorzuweisen haben. Der Harvard-Philosoph spricht gar von einer «Tyrannei der Gebildeten».

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