Guter Protest, böser Protest. Prof. Dr. Armin Nassehi im taz-FUTURZWEI-Gespräch

Quelle: https://taz.de/!171299/

taz FUTURZWEI: Herr Professor Nassehi, bei den Demos gegen die Corona-Politik wurde der vorgeschriebene Sicherheitsabstand nicht eingehalten. Was sagen Sie als Protestexperte dazu?

ARMIN NASSEHI: Die Demos haben unter anderem zum Gegenstand, dass die geltenden Schutzmaßnahmen und -regeln zum Teil Unsinn seien. Zugleich sind Symbole wie wie Abstandhalten oder Maske tragen genau die Punkte, mit denen man provozieren kann. Es ist wie eine Bestätigung und Legitimation für diese Leute, wenn dann jemand hingeht und sagt „Moment, ihr haltet ja den Abstand gar nicht ein“, denn dann können sie sagen: „genau, darum geht es uns nämlich auch“. Grundsätzlich war erwartbar, dass Menschen deshalb auf die Straße gehen würden. Ich hatte prognostiziert, dass sich die Wahrscheinlichkeit von Protest erhöht, sobald mit dem Einstieg in Lockerungen des Lockdowns Alternativen sichtbar werden. Das haben wir jetzt.

Wenn Linksliberale protestieren, ist das für uns „ziviler Widerstand“, bei dem man die Gesetze um der guten Sache willen überdehnen muss. Beim Corona-Politik-Protest sagten wir, das Übertreten der Gesetze ist völlig unverantwortlich. Ist das eine angemessene Unterscheidung?

Genau genommen nicht. Das Dilemma wird bei den Anti-Rassismus-Demonstrationen nach dem Tod von George Floyd sichtbar: Abstandsregeln und Corona-Prävention verschwanden hinter der unbestrittenen Dringlichkeit und Wichtigkeit des Protestthemas. Was die sogenannten Hygiene-Demos angeht: Bei Konflikten sucht man Antipoden. Bei den Einen ist es jetzt das genaue Einhalten von Regeln oder Dingen, die mit dem Leben konnotiert sind. Bei den anderen ist es genau das Gegenteil, nämlich da zusammenzukommen, wo man es nicht darf. Das ist das Tolle an der Situation:  Die Demonstration ist schon die Übertretung dessen, wogegen protestiert wird. Das kann man nicht besser erfinden.

Wir haben im Fall der gesundheitsbedingten Einschränkungen auf der einen Seite eine Form von Übereifrigkeit der Regeleinhaltung, die bis ins Denunziantentum kippt, auf der anderen antidemokratischen Protest, aber die große Mehrheit sind doch Bürger, die Ausnahmeregeln einfach für vernünftig gehalten.

Abgesehen von den völlig durchgeknallten Verschwörungstheorien, die bei solchen Gelegenheiten immer aus der Versenkung wieder auftauchen, haben die Leute das Recht, zu demonstrieren und zu sagen, dass ihnen die Corona-Regulierungen zu weit gehen. Wenn man das Gefühl hat, dass parlamentarische oder auch diskursive Oppositionen außer Kraft gesetzt oder kaum zu hören sind, folgt darauf Protest – ganz unabhängig übrigens davon, ob das zutrifft oder nicht. Was sich da zusammenbraut, hat genau die Motive, die Protest immer hat. Es verläuft sehr parallel zur Flüchtlingskrise. Die Leute behaupten, dass es sowas wie eine kontroverse Diskussion nicht gegeben hat, weswegen man auf die Straße gehen müsse. Das kommt vor allem von rechts. Es scheinen aber auch anthroposophische Wohlstandsverwahrloste oder Impfgegner dabei zu sein, die ins Grüne Milieu passen.

Das vollständige Interview ist hier nachzulesen

ARMIN NASSEHI

Der Mann:  Professor für Soziologie in München und Herausgeber der legendären Intellektuellenzeitschrift Kursbuch. Geboren 1960 in Tübingen. Verheiratet. Chorsänger.

Das Werk: In diesem Jahr erschien „Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests (kursbuch.edition 2020). Rezension in der aktuellen Ausgabe von taz FUTURWEI „Die verborgene Wirklichkeit“.

In Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft (Beck 2020), beschreibt er die Digitalisierung als Antwort auf ein Bezugsproblem der Gesellschaft: ihre Komplexität und Regelmäßigkeit. Die Gesellschaft will dadurch ihre verborgenen Muster sichtbar machen.

In Die letzte Stunde der Wahrheit (Murmann 2015) hat er angefangen, Gesellschaft jenseits von links-rechts zu beschreiben. In der taz erklärte er 2019 erstmals das neue politische Konzept der »Bündnisse« von verschiedenen gesellschaftlichen Systemen.

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