Ukraine-Krieg: Die Macht der Karten

Quelle: Übermedien

Gastbeitrag

Visualisierungen des Ukraine-Krieges 11. März 2022

Die Macht der Karten

von Mateusz Fafinski

Die Landkarten, die aktuell Russlands Einmarsch in der Ukraine abbilden, haben reale Konsequenzen. Neutrale Karten gibt es nicht, hinter jeder steckt immer eine Absicht. Sie sind Projektionen von Macht: die Macht, etwas zu zeigen oder wegzulassen. Die Macht, zugrunde liegende Daten nicht genau zu überprüfen.

Dabei vertrauen wir Karten instinktiv, wie nur wenigen anderen Darstellungen unserer Welt. Manchmal genügt es, sie umzudrehen, um diesen Instinkt in Frage zu stellen. Denn eine Karte zeigt immer nur eine Perspektive – und eine Auswahl von Informationen. Was wie abgebildet ist und was nicht, beruht auf subjektiven Entscheidungen. Ist eine Linie „eine Front“? Ist ein Gebiet „besetzt“? „Kontrolliert“? Oder nur ein „Aufmarschgebiet“? Obendrein zeigen diese Bilder immer nur eine Momentaufnahme – die tatsächliche Situation ist permanent in Bewegung.

Kontrolle, Besatzung, Vormarsch

Karten sind mächtig, damals wie heute. Wer sie erstellt, hat Verantwortung, gerade in einer komplizierten und komplexen Situation wie dem aktuellen Krieg in der Ukraine. Vor diesem Hintergrund haben Redaktionen derzeit eine äußerst schwierige Aufgabe: Sie müssen all das in Medien darstellen, die dafür nie perfekt geeignet sind.

Das Kartenmaterial, das deutschsprachige Medien bisher anfertigten, um den Krieg in der Ukraine zu erklären, ist von gemischter Qualität. Anfangs behandelten viele Redaktionen den Krieg im Wesentlichen wie einen typischen Konflikt des 20. Jahrhunderts: Auf vielen Karten war militärischer Vormarsch gleichbedeutend mit Besetzung, vor allem aber mit „Kontrollzonen“, also Gebieten, zu denen das ukrainische Militär keinen Zugang hat. Doch im Vergleich zu damaligen Kriegen ist dieser Angriff multilateraler und mobiler, es gibt keine klare Frontlinie, mehrere Akteure können ein Gebiet kontrolllieren, wie etwa in Cherson. Der Glaube, dass Kriege heute denen des 20. Jahrhunderts entsprechen, führt daher zu ziemlich miserablen Karten. Ein Blick in die Kulturgeschichte der Karten und in die Logik moderner Kriegsführung hätte diesen Ansatz schnell als unangemessen erscheinen lassen.

Einige haben zumindest ihre Beschriftungen und Kartenlegenden präzisiert, um zu zeigen, wie unsicher die Lage ist; nun ist etwa nicht mehr von „von Russland eingenommenen Gebiete“ die Rede, sondern richtigerweise von „russischen Vormarschgebieten“. Einige verwenden immer noch den Begriff „besetzt“ für Gebiete, bei denen nicht klar ist, wie stark die russische Präsenz und Kontrolle vor Ort ist.

Dabei zeigt die Berichterstattung aus der Ukraine, dass die Realität vor Ort eher verschiedenen Graden von Herrschaftsausübung entspricht: Einige Gebiete befinden sich vollständig in der Hand des russischen Militärs, andere sind kaum mehr als Aufmarschgebiete – was zugleich nicht bedeutet, dass die Ukraine diese Gebiete kontrolliert. Die Situation ist nicht schwarz-weiß. Begriffe wie „Kontrolle“, „Besatzung“ oder sogar „Vormarsch“ stoßen daher an die Grenzen ihrer kartografischen Bedeutung.

Eine Stichprobe zeigt, wie unterschiedlich Redaktionen Informationen visualisieren – am Beispiel von Karten aus „Frankfurter Allgemeiner“, „Neuen Zürcher Zeitung“ und „Tagesspiegel“ vom 9. März.

Der Autor

Mateusz Fafinski ist Historiker und Digital Humanities-Forscher und schreibt darüber, wie die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt. Er untersucht die Geschichte der schriftlichen Kommunikation, Städte und das Erbe von Imperien. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und Forschungsassistent an der Stanford University. Er twittert unter @Calthalas.

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