#Black History in Deutschland: rassismuskritische Lehre an Schulen

Quelle: Frankfurter Rundschau

Alicia Lindhoff 16.2.21

Rassismus in der Schule

Schluss mit dem Kolumbus-Mythos

Kinder und Jugendliche sollen im Unterricht mehr über Rassismus und die deutsche Kolonialgeschichte lernen, fordert eine Initiative. Fast 100.000 Menschen haben ihre Petition schon unterzeichnet.

Als Mitte vergangenen Jahres auch in Deutschland Zehntausende mit erhobenen Fäusten und „Black Lives Matter“-Plakaten auf die Straßen gingen, da war das für manche eine Überraschung. Für Maimuna Sallah dagegen war es ein Moment, auf den sie lange gewartet hatte. Und sie glaubt, dass es auch vielen anderen Schwarzen Deutschen so ging. „Plötzlich gab es da einen Anknüpfungspunkt, um in der Gesellschaft über ein Thema zu reden, das einen schon ein ganzes Leben begleitet hat.“

Die Masterstudentin aus Bremen ging nicht nur demonstrieren, sie recherchierte auch online, suchte nach Vernetzung. Und stieß dabei auf eine Petition, die viele der Gedanken in Worte fasste, die ihr selbst seit Jahren durch den Kopf gingen. „Black History in Deutschland: Rassismuskritische Lehre in Schulen“ – so der Titel. Zentrale Forderungen: Die deutsche Kolonial- und Migrationsgeschichte soll ausführlicher und kritischer in Lehrplänen behandelt werden, Rassismuskritik fester Bestandteil des Lehramtsstudiums sein.

Kolonialgeschichte und Rassismus sind eng verknüpft

Es sind Forderungen, die Fachleute wie Josephine Apraku schon länger vertreten. Die Afrikawissenschaftlerin, die 2013 das Institut für diskriminierungsfreie Bildung gründete, hat Unterrichtsmaterialien zur deutschen Kolonialgeschichte untersucht. Sie ist überzeugt: Nur wer sich mit dieser Vergangenheit beschäftigt, kann auch den Rassismus von heute verstehen und bekämpfen.

Zwar wird die deutsche Kolonialgeschichte nach Jahren der Kritik inzwischen in den Schulbüchern der meisten Bundesländer verhandelt. Doch Fachleute kritisieren, dass dabei meist ein extrem eurozentrischer Blick vorherrsche. Typische Beispiele: Wenn historische Personen wie Kolumbus als „Entdecker“ glorifiziert werden, als hätten in den „entdeckten“ Regionen nicht seit Jahrtausenden Menschen gelebt. Wenn die Kolonialzeit nur als Gerangel der europäischen Mächte untereinander verhandelt wird, antikolonialer Widerstand etwa der Herero und Nama gegen die Gewalt der deutschen Kolonisatoren aber unerwähnt bleibt. Oder wenn die Kolonialzeit als etwas abgeschlossenes ohne Bezug zur heutigen Zeit betrachtet wird, obwohl sie die globale Machtverteilung bis heute prägt.

Wer weiß schon von Kants Antisemitismus?

Und wie kann es sein, fragt sich Maimuna Sallah schon länger, dass sie in Schule und Philosophiestudium jahrelang Kant gelesen hat, ohne dass jemals dessen rassistische und antisemitische Äußerungen thematisiert wurden – während Denker:innen aus anderen Teilen der Welt überhaupt keine Rolle gespielt hätten.

Die Initiative spricht ihr also aus der Seele. Sie beschließt, sich mit einer eigenen Petition an die Bremer Bildungssenatorin zu beteiligen. Damit reiht sie sich ein in eine wachsende Gruppe von Initiativen und Einzelpersonen. Inzwischen sind bis auf das Saarland alle Bundesländer dabei.

Auch Baden-Württemberg. Dort steht unter anderem Teresa Heinzelmann dahinter. Die 24-Jährige Studentin wohnt derzeit im baden-württembergischen Biberach, mehr als 700 Kilometer entfernt von Bremen. Teresa Heinzelmann ist weiß. Zwar habe sie Rassismus natürlich immer abgelehnt, „aber früher dachte ich, die Lösung wäre ‚Farbenblindheit’“. Eine Illusion, glaubt sie heute. „Auch ich trage durch meine Sozialisation Rassismus in mir. Und will dafür Verantwortung übernehmen.“ Im Studium fing sie an, postkoloniale Theorien zu lesen, mit Bezug zu Museumskontexten. „Mir ist wichtig, dass mehr Menschen anfangen, sich mit Diskriminierungen auseinanderzusetzen und sich selbst zu bilden.“ Am besten schon in der Schule.

Fast 100.000 Menschen haben die Petition unterzeichnet

Mit ihren Mitstreiterinnen Samrawit Araya und Yasmin Nasrudin startet sie nicht nur die entsprechende Petition in Baden-Württemberg, die drei kontaktieren auch Lokal- und Landespolitiker:innen an, sprechen mit dem Regionalfernsehen, vernetzen sich mit anderen antirassistischen Initiativen, die es „selbst in Mini-Gemeinden“ gebe. Inzwischen haben sie sogar ein landesweites Bündnis gegen Rassismus gegründet, um die Kräfte pünktlich zur Landtagswahl im März zu bündeln. Außerdem treffen sie sich regelmäßig per Videoschalte mit anderen Petitionsstarter:innen wie Maimuna Sallah, vor Weihnachten sogar wöchentlich. Gemeinsam planen sie Social Media-Aktionen, sprechen über Erfolge und Hindernisse.

Und die Arbeit von Bremen bis Biberach zahlt sich aus: Die Sammelpetition wächst und wächst. Bis heute haben fast 100 000 Menschen unterzeichnet. Die Initiative hat, so scheint es, einen Nerv getroffen.

Mehr dazu hier