Corona-Krise: Kritik an der Rubikon-These: „Die Welt hat einen Männerschnupfen.“

Corona-Krise: Kritik an der Rubikon-These: „Die Welt hat einen Männerschnupfen.“ Beitrag von Florian Kirner (7. April 2020). Quelle: Die Freiheitsliebe. Dein Portal für einen kritischen Journalismus.

Weite Teile des digitalen, alternativen Mainstreams sind in Anbetracht der Corona-Krise auf die gleiche Linie eingeschwenkt. Demnach haben wir es mit einem Staatsstreich zu tun, der den neuen Faschismus einführt. Covid-19 selbst sei dagegen „nicht schlimmer als die Grippe“ oder gar: „ein Fake“. Rubikon ist unter der energischen Führung seines Herausgebers Jens Wernicke federführend für diese Linie. Florian Kirner findet sie verantwortungslos und kritisiert, dass alles, was wir dem Mainstream-Journalismus vorwerfen, nun auch im Bereich der „alternativen“ Medien zu beobachten ist.

„Die Welt hat Männerschnupfen.“ So fasst ein Autor des Rubikon die Gefährlichkeit des Corona-Virus zusammen. Männerschnupfen, das ist also dieser scherzhafte Ausdruck für die selbstmitleidige Hysterie, die die Herren der Schöpfung bei jeder noch so harmlosen Erkältung befällt.

Wer ist der Mann, der dies so schreibt? Was qualifiziert ihn zu dieser Aussage? Ist er Mediziner? Virologe? Epidemiologe? Hat er nennenswerte wissenschaftliche Kenntnisse in für die Corona-Einschätzung relevanten Fachgebieten?

Nun, es handelt sich um einen Studenten der Politologie und der Theaterwissenschaften. Auf meine kritische Nachfrage erfahre ich, er habe sich allerdings „bereits seit Wochen“ mit dem Thema beschäftigt, und zwar: „intensiv“.

In einem neuen Video-Gespräch des Rubikon erfahren wir: „Vermutlich handelt es sich dabei um eine ziemlich normale grippale Infektion.“ Der, der diese Einschätzung tätigt, ist Kulturwissenschaftler und Theaterdramaturg. Inzwischen äußern sich im Rubikon auch Realschullehrer und gelernte Elektriker zu virologischen Fragen.

Alle schreiben über alles

Nun war und ist die „Expertokratie“ des bürgerlichen Mainstreams mit guten Gründen seit vielen Jahren ein Kritikpunkt. Immer wieder werden aus mitunter unklaren Gründen Interviewgäste zu „Experten“ erklärt und sodann mit der Autorität ausgestattet, uns etwa die Lage in Syrien zu erklären. Die Erklärungen dieser „Experten“ fügen sich dann in der Regel passgenau in die Bedürfnisse der herrschenden Politik – damit einhergeht üblicherweise ein Gestus, der die „normalen Zuschauer“ entmündigt: hier der Experte, der alles weiß und dessen Urteil unfehlbar ist – dort die Medienkonsumenten, unbedarfte Meinungsempfänger.

Jene ziemlich chaotische Ansammlung digitaler Sender im deutschsprachigen Internet, die ich den „alternativen Mainstream“ nenne, hat auf diese Expertenhuberei reagiert. Wie?

Die digitale Medienlandschaft hat dabei typischerweise einen Schritt vor und zwei zurück gemacht. Der Schritt nach vorne besteht in der Selbstermächtigung, sich mit seiner eigenen Auffassung ohne falsche Scham zu Wort zu melden. Die zwei Schritte zurück sind erstens, dass dies allzu oft auch ohne die nötigen Kenntnisse geschieht – und zweitens auf einem journalistischen Niveau, das eher einer Schülerzeitung gleicht, wo Mittel- und Oberstüfler ungebremst ihre Statements raushauen dürfen.

Und so schreiben alle über alles. Sicher, das ist allgemein ein Zug der Öffentlichkeit in Zeiten des Internets. Man ist ja schon als durchschnittlicher Facebook-User nahezu gezwungen, sich zu der jeweiligen Sau zu positionieren, die aktuell durchs mediale Dorf getrieben wird. Und so hat man dann auf das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo zu reagieren und Charlie zu sein, hat eine Haltung zur Wirkung des CO2 in der Atmosphäre zu haben – derzeit muss man eben Fachkenntnisse in Sachen Virologie simulieren.

Ich teile deshalb an dieser Stelle mit: Ich kann die Gefährlichkeit und die virologischen Eigenschaften des Corona-Virus meinerseits leider nicht einschätzen. Und überraschenderweise werde ich das genau deshalb auch in diesem Text nicht tun. Aus meinem eigenen, ganz anders gelagerten Fachgebiet – ich bin Historiker – weiß ich schließlich, was dabei herauskommt, wenn Leute, die sich „nun schon mehrere Wochen intensiv“ mit einem geschichtlichen Thema beschäftigt haben, glauben, unstrittige Ergebnisse der Geschichtswissenschaft so nebenhin über den Haufen werfen zu können.

Allerdings gebe ich mein Befremden zu Protokoll, in welcher Ausgelassenheit Theaterwissenschaftsstudenten und Kulturwissenschaftler im Rubikon dieser offenbar übertriebenen Zurückhaltung entraten. Sie und viele andere Autoren dieses Magazins machen vielmehr weitreichende Aussagen zu einem neuartigen Virus zur Grundlage ihrer noch weiter reichenden Analysen und Forderungen.

Verantwortung und Redlichkeit

Man verzeihe mir nun diesen sehr langweiligen Hinweis: aber mir persönlich wird flau im Magen, wenn ich an die Möglichkeit denke, dass diese Einschätzung des Virus sich demnächst als grundfalsch herausgestellt haben sollte.

Selbstverständlich bin ich nun nicht blind für die diversen Süppchen, die auch auf diesem Krisenherd gekocht werden. Wir leben im Katastrophenkapitalismus und die aktuell Herrschenden sind Virtuosen darin, jedes Desaster für eine weitere Verschiebung der Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu nutzen. Staatliche Übergriffe und fatale massenpsychologische Effekte der Corona-Krisenreaktion, die Machenschaften einzelner Akteure, der Pharma-Industrie, der Massenmedien und des Sicherheitsstaates zu attackieren – das ist nun ganz und gar nicht der Punkt, den ich kritisiere. Das ist vielmehr die Aufgabe jedes Journalisten und auch speziell des Rubikon, der ja für diese Zwecke gegründet wurde.

Das Problem ist, dass diese Kritik nicht stärker, sondern schwächer wird dadurch, dass sie aus einer Haltung heraus vorgenommen wird, die den Virus selbst zu einer Petitesse erklärt, oder, wie Jens Wernicke dies in einer Massenemail tut (und wie es unzweifelhaft seiner Auffassung entspricht): zu einem Fake oder Hoax. Zitat Wernicke:

„Nach mehrtägiger Recherche der Gesamtumstände steht für mich fest: es ist ein Fake, und das werden wir bald auch belegen können.“

Nun ist zweifellos auch Jens Wernicke zu dieser Aussage ausgesprochen befähigt. Hatte er, der diplomierte Kulturwissenschafter, zu diesem Zeitpunkt immerhin eine „mehrtägige Recherche“ hinter sich gebracht.

Ich frage mich und frage Jens Wernicke und frage die Leserinnen und Leser dieses Magazins: Ist das wirklich eine ausreichende Grundlage, die Verantwortung auf sich zu nehmen, in einer medizinischen Frage öffentlich Entwarnung, Fake und Hoax zu blasen? Wäre eine vorsichtigere Haltung nicht wesentlich angemessener – und auch eine überzeugendere Basis für die Kritik der zweifellos stattfindenden Herrschaftsexzesse?

Pandemien im 21. Jahrhundert

Ich möchte mich nun meinerseits dem Virus selbst nähern, tue dies aber aus der Sicht meines Fachgebiets, eben der Geschichtswissenschaft und der zeitgenössischen Politik.

Abseits der konkreten Gefährlichkeit von Covid-19, die ich nicht einschätzen kann, ist meines Erachtens offenkundig, dass und warum die Gefahr globaler Pandemien laufend steigt.

Wir sind nahezu acht Milliarden Menschen auf der Welt. Die in den letzten drei Jahrzehnten entstandene Siedlungsstruktur unserer Spezies ist von der Konzentration gigantischer Menschenmassen auf sehr engem Raum geprägt. So hatte kaum jemand je von „Wuhan“ gehört. Wie sich jetzt herausstellt, beherbergt der Ballungsraum Wuhan aber eine zweistellige Millionenzahl Menschen.

Schon dies ist und war historisch typischerweise eine Grundlage katastrophaler Seuchen: ein schnelles, unkontrolliertes Städtewachstum.Hinzu kommt eine nie dagewesene Mobilität – von Tourismus über Geschäftsreisen und Fluchtwellen bis hin zu einem globalen Warentransport unvorstellbarer Ausmaße. Hierbei werden nicht nur kulturelle Erfahrungen, Dienstleistungen und Produkte ausgetauscht, sondern ebenso Flora (Neophyten), Fauna und selbstverständlich auch Bakterien und Viren.

Sauberkeit = Hygiene?

Gleichzeitig darf man sich über den Allgemeinzustand der öffentlichen Hygiene keine Illusionen machen. Schon im steril-spießigen Deutschland ist die Kultur des regelmäßigen Händewaschens vor Corona nicht mehr sehr verbreitet gewesen. Die sanitäre Situation in der sinkenden Stadt Jakarta oder in den Slums von Kalkutta oder Mexico City wird gefährliche Viren erst recht nicht abschrecken. Und wie soll dort „soziale Distanz“ praktiziert werden?

Zudem sollte man „optische Sauberkeit“ nicht mit Sterilität und Hygiene verwechseln. Ein Flughafen ist rein optisch wunderbar sauber. Er ist trotzdem eine Virenschleuder, die täglich von Zehntausenden durchlaufen wird. In einem Krankenhaus gibt es keine Spinnweben, alle Gänge sind gewischt und ständig wird desinfiziert. Multiresistente Keime fühlen sich dort trotzdem pudelwohl.

Hinzu kommen Fragen nach dem gesundheitlichen Gesamtzustand der Menschheit im Viel-zu-spät-Kapitalismus. Neben Umweltgiften ist hier vor allem die Qualität der Ernährung zu untersuchen – während die Zustände in der Massentierhaltung eine einzige Mutationsparty aller erdenklichen Viren garantieren, sowie eine wachsende Gefahr, dass diese auf den Menschen überspringen.

Kurzum, dass Pandemien in unserer heutigen Weltgesellschaft wahrscheinlicher werden, sollte keine strittige Frage darstellen. Davon abgesehen sind Seuchen quer durch die Menschheitsgeschichte vorgekommen, wann immer sich diese Spezies massenhaft auf Reisen begeben und gleichzeitig in rasch anwachsenden Agglomerationen konzentriert hat.

So brachten die spanischen Eroberer die Pocken nach Amerika – und die Syphilis zurück nach Europa. Die Pest wiederum wäre kaum denkbar gewesen, ohne das rasche Städtewachstum in der Gotik und die ansteigende Mobilität nicht nur von Menschen, sondern auch von Flöhen, Ratten, Bakterien und Viren durch Handel, Krieg, Seefahrt, Kreuz- und Pilgerzüge.

Journalistisches Ethos

Damit ist, ich wiederhole es, über die konkrete Gefährlichkeit eines konkreten Virus noch nichts ausgesagt. Und ich werde dazu auch nichts sagen. Noch einmal: Mir fehlt dazu jegliche Fachkenntnis und das lässt sich weder durch „mehrtägige Recherche“ noch durch eine „intensive Beschäftigung“ von „vielen Wochen“ mal eben so beheben.

Wenn wir aber zur Frage des journalistischen Ethos zurückkehren, stellt sich die Frage, welche Verantwortung man als Journalist für die möglichen Wirkungen des Geschriebenen auf die öffentliche Gesundheit und auf die spezielle Gesundheit seiner eigenen Leser und deren Umgebung hat.

Rubikon agiert hier aus meiner Sicht verantwortungslos. Die Grundhaltung, dass dieser Virus eben ein Fake, eine Hoax, eine Grippe oder harmloser als eine Grippe sei, scheint überall durch. Sich in einer substanziellen Weise zu Fragen der Seuchenprävention zu äußern, halten die allerwenigsten Autoren für nötig. Wer nur Rubikon liest, sieht sich nicht einmal dazu veranlasst, sich öfter als üblich die Hände zu waschen.

Mich wundert das. In meinem eigenen Verhalten befolge ich die Ratschläge jener Virologen und Ärzte, die den Virus für sehr gefährlich halten, obwohl ich mir, wie gesagt, über die Gefährlichkeit von Covid-19 keineswegs ein unzweifelhaftes Bild zu machen imstande bin. Ich sorge auch in meinem alltäglichen Umfeld dafür, dass hygienische Vorsichtsmaßregeln konsequent beachtet werden.

Gleichzeitig schaue ich mir natürlich auch die Argumente der Kritiker an. Ich bin Staat und Pharma-Industrie nicht plötzlich treu ergeben. Ich finde das Potential des Seuchen-Notstands als Methode der präventiven Aufstandsbekämpfung beängstigend. Die zahlreichen Versuche, die Situation zu großen und kleinen Machterweiterungen zu nutzen, sehe ich ebenso klar wie die Euphorie der Pharma-Riesen, die das Geschäft des Jahrtausends wittern.

Aber die evident steigende Wahrscheinlichkeit globaler Pandemien in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts, meine Sorge um die Alten und bereits gesundheitlich Geschwächten sowie die Erkenntnis meiner eigenen, mangelnden fachlichen Befähigung verbieten mir kategorisch, diese notwendige Ebene der Kritik zu bespielen, ohne gleichzeitig und mindestens so deutlich für maximale Vorsicht und verantwortungsbewusstes Verhalten zu plädieren.

Pluralismus oder Rudel?

Nun hängt die Einschätzung der staatlich verordneten Maßnahmen zweifellos an der Frage, wie gefährlich Covid-19 denn nun wirklich ist. Ich bin sehr dafür, das zu diskutieren. Idealerweise sollte dies nicht Historikern, Elektrikern und Kulturwissenschaftlern anheim gestellt sein.

Freilich kommen in den „alternativen“ Medien und im Rubikon auch Experten zu Wort. Wolfgang Wodarg beispielsweise ist zweifellos ein Kenner der Materie. Ihm dies abzusprechen und den ganzen Mann als Spinner abzutun, ist wiederum eine widerliche Methode des alten Mainstreams, unliebsame Stimmen zum Schweigen bringen zu wollen.

Ich bin nun nicht dafür, dass Wodarg und Co. schweigen sollen. Was aber haben wir von diesem alten, verachteten, bürgerlichen Mainstream immer eingefordert? Was haben wir behauptet, sehr viel besser zu machen in den neuen Medien? Ging es da nicht um eine Debattenkultur, die unterschiedliche Positionen zulässt? Haben wir uns nicht auf die Fahne geschrieben, inhaltlichen Pluralismus zu ermöglichen, während die anderen Medien stromlinienförmig auf Herrschaftslinie sind? Gleichgeschaltet? Uniform? Gekauft?

Wenn ich mir die aktuelle Nachrichtenlage ansehe, kann ich nur feststellen: Der Vorwurf des Rudeljournalismus trifft auf die „alternativen Medien“ zu 100 Prozent zu. Man hatte einen schnellen Verdacht, der sehr gut ins ohnehin vorhandene Weltbild passte, hat einige Fachleute gefunden, die diese Auffassung stützen – und anstatt nun eine plurale, kontroverse Debatte zu organisieren, werden diese Fachleute reihum durch die digitalen Plattformen gereicht.

Wodarg bei Rubikon, Wodarg bei KenFM, Wodarg bei RT, Wodarg bei Nuoviso, Wodarg bei Eva Hermann, Wodarg hier und Wodarg da. Alle stürzen sich auf Wolfgang Wodarg, alle hängen begierig an seinen Lippen und fühlen sich in ihrer „mehrtägigen Recherche“ bestätigt – und weil Wolfgang Wodarg dann noch in bekannter Manier vom alten Mainstream niedergemacht wird, fühlt man sich erst recht auf der Siegerstraße, denn da sieht man’s ja, woher der Wind pfeift. Gegenmeinungen sind deshalb auch ganz überflüssig, wie es scheint. Plurale Debatte nicht nötig. Autoren, die die Sache anders sehen, kommen nicht mehr zu Wort. (So wurde auch dieser Artikel von Rubikon abgelehnt.)

Dafür finden sich noch zwei bis fünf weitere Experten, die Wodargs Haltung stützen. Und prompt treten auch diese die Tour durch die digitalen Kanäle an. So befestigt man seinen Anfangsverdacht immer mehr und lässt ihn zur Gewissheit gerinnen, die dann auch fachfremde Autoren mit großem Selbstbewusstsein vertreten zu dürfen glauben.

Schön. Was aber wenn Wodarg irrt?

Dann steht der alternative Mainstream ziemlich blöd da, seine journalistische Glaubwürdigkeit wird vernichtet sein – und das wäre dann das geringste Problem gewesen. Wenn Wodarg und Co. nämlich irren und Covid-19 sich tatsächlich als weitaus gefährlicher als „eine normale Grippe“ herausstellt, wenn Corona kein Fake und keine Hoax ist, sondern eine echte, globale, gesundheitliche Bedrohung – dann werden alle diese Medien, auch mein einst geliebter Rubikon, eine nicht mehr reinzuwaschende Schuld auf sich geladen haben. Und ich zumindest begehre, dazu nicht geschwiegen zu haben.

Von Florian Kirner. Er studierte Anglo-Amerikanische Geschichte, Japanologie und Mittlere und Neue Geschichte an der Universität zu Köln, sowie Internationale Beziehungen an der Sophia Universität Tokio. Er ist außerdem Aktivist, Liedermacher und betreibt seit 2008 ein alternatives Projekt auf Schloss Weitersroda in Südthüringen. Er hat das Magazin „Rubikon“ 2017 mit aus der Taufe gehoben.